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Schlüchtern – Berlin – Hollywood Von , 05.02.2013

Interview * Reinhold Heil: Leben und arbeiten als Filmkomponist in Los Angeles

RHeil_Website_01_MedRes-kleinDie Traumfabrik Hollywood bleibt für die meisten Künstler ein Traum. Nur ganz wenige schaffen es, ein Teil großer Film- und Fernsehproduktionen zu werden. Für Reinhold Heil aus Schlüchtern ist dieser Traum jedoch Realität, denn der 58-Jährige lebt in Downtown Los Angeles und arbeitet als Filmkomponist. Erst vor Kurzem war seine Musik im Hollywoodstreifen „Cloud Atlas“ mit Tom Hanks und Halle Berry zu hören. Für diesen Soundtrack wurde er zusammen mit Tom Tykwer und Johnny Klimek für den Golden Globe nominiert.

Im Interview erzählt Reinhold Heil, wer das größte Talent ist, das ihm jemals begegnet ist, an welchem ungewöhnlichen Ort er das Drehbuch zu „Lola rennt“ gelesen hat und für welches Genre er gerne einmal Musik machen möchte – und natürlich vieles mehr.

Towiu: Sie kamen schon sehr früh mit Musik in Berührung. Ihr Vater besaß den einzigen Platten- und HiFi-Laden in dem damals etwa 6.000 Einwohner zählenden Ort Schlüchtern in Osthessen.
Reinhold Heil: Ja, das stimmt. Ich habe damals im Laden geholfen und die Plattenabteilung „geschmissen“. So bin ich schon früh mit unterschiedlichen Musikrichtungen in Kontakt gekommen. In den sechziger Jahren habe ich im Radio immer den amerikanischen Sender AFN gehört, denn im deutschen Radio liefen pro Woche nur zwei Stunden Rockmusik. Ich bin in einer anderen Welt groß geworden, war deshalb nicht so abgelenkt und konnte mich mehr auf die Musik konzertieren. Damals habe ich häufig Jazz und Rock gehört. Bis zum Abitur habe ich im Geschäft meines Vaters geholfen, dann bin ich nach Berlin und wollte Musik studieren. Letztlich habe ich ein Doppelstudium an der „Hochschule der Künste“ und der „Technischen Universität“ absolviert. Am Ende stand der Abschluss Diplom-Tonmeister.

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Reinhold Heil lebt und arbeitet in Los Angeles. Foto: Michael Roud

Towiu: Welche Instrumente spielen Sie?
Reinhold Heil: In meiner Kindheit und Jugend habe ich Klavier und Blockflöte gespielt. Danach habe ich fünf Jahre lang bis zum Abitur Orgel gelernt. Mein Vater hatte mir damals eine Hammond-Orgel gekauft. Ein bisschen Perkussion habe ich auch noch gespielt, aber mein Hauptaugenmerk lag immer auf dem Keyboard.

Towiu: Wann waren Sie zuletzt in Ihrer Heimat Schlüchtern?
Reinhold Heil: Das war im Juni 2012, weil meine Eltern 60 Jahre verheiratet waren und ihre Diamantene Hochzeit gefeiert haben. In Schlüchtern habe ich außer meinen Eltern noch zwei Geschwister und alte Freunde. Es gibt aber auch Zeiten, da bin ich lange nicht da. Zwischen 2000 und 2005 war ich gar nicht in Deutschland.

Towiu: Während Ihrer Zeit in Berlin waren Sie nicht nur Keyboarder in der Nina Hagen Band und danach bei Spliff, dort auch Komponist, Texter und Sänger von Hits wie „Carbonara“ und „Das Blech“. Parallel haben Sie renommierte Künstler produziert, etwa die ersten drei Alben von Nena sowie in 1996 einige Songs mit Falco. Wie kam es zu dem Wechsel vom Künstler auf der Bühne zum Produzenten hinter dem Mischpult und letztlich zu dem Wechsel zur Filmmusik?
Reinhold Heil: In den siebziger und achtziger Jahren habe ich auf der Bühne gestanden und in den Achtzigern überlappend andere Künstler produziert. Ich war nicht so scharf darauf, als Solokünstler auf der Bühne zu stehen, in der Rolle sah ich mich damals nicht. In 1991 ist meine damalige Lebensgefährtin Rosa Precht verstorben und ich hatte bis Mitte der neunziger Jahre eine Sinnkrise. Mein Freund Johnny Klimek wollte mich aus dieser Sinnkrise heraus holen und sagte `Lass uns was zusammen machen´. Das war 1995. Die Faszination in Bezug auf Filmmusik hatte ich schon immer, aber es fehlte das Selbstvertrauen, das auch umzusetzen. 1996 habe ich dann die Musik zu dem Fernsehfilm „Das erste Mal“ geschrieben. Das war der erste abendfüllende Film, den ich alleine betreut habe.

Towiu: Sie haben bei sieben Filmen mit Tom Tykwer zusammen gearbeitet, nicht nur bei „Cloud Atlas“, sondern auch bei „Lola rennt“, „Das Parfum“, „The International“, „3“, „Der Krieger und die Kaiserin“ und „Winterschläfer“. Wie kommt das und was hat es mit „Pale 3“ auf sich?
Reinhold Heil: „Pale 3“ ist meine längste Band, sie besteht aus Tom Tykwer, Johnny Klimek und mir. Wir haben oft zu dritt die Musik zu Tom Tykwers Filmen geschrieben und hatten dann alle den „Studio Teint“, also die Musikstudiobräune. Das heisst, wir waren alle drei ziemlich bleich, deshalb „Pale 3“.
Tom Tykwer habe ich über Johnny Klimek kennengelernt, er hat Tom Musikmaterial von Johnny und mir vorgespielt. Das war genau in der Phase, als ich nach Kalifornien ziehen wollte. Ich war nicht mehr Teil von dem Berlin, in dem etwas abging. Aber das war auch meine Schuld.
Im Dezember 1996 hat Tom Tykwer mir das Drehbuch zu „Lola rennt“ gegeben und am 2. Januar 1997 bin ich nach Kalifornien ausgewandert. Auf dem Flug in die Staaten habe ich das Drehbuch zu „Lola rennt“ gelesen, danach Johnny Klimek angerufen und gesagt `Wir müssen den Film machen, das wird ein Hammer`. Tom Tykwer kam dann irgendwann mit Franka Potente in mein Studio und wir haben den Soundtrack zu „Lola rennt“ gemacht. Dieser Film war DAS Ereignis schlechthin, das die Leute in der Industrie auf uns aufmerksam gemacht hat. Trotzdem hat es noch ein Jahr gedauert, bis wir eine Agentur in den USA hatten.

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Reinhold Heil wurde für die Musik zum Hollywoodfilm „Cloud Atlas“ zusammen mit Tom Tykwer und Johnny Klimek für den Golden Globe nominiert. Foto: Michael Roud

Towiu: Johnny Klimek, ein australischer Komponist und Musiker, ist häufig Ihr Partner bei Filmkompositionen. Arbeiten Sie oft mit anderen Komponisten zusammen oder arbeiten Sie auch alleine an Projekten?
Reinhold Heil: Bis vor Kurzem war die Zusammenarbeit mit Johnny eine Dauereinrichtung. Die Musik für unser neues Projekt „I, Frankenstein“ ist so gut wie fertig, aber ab jetzt macht jeder sein eigenes Ding. Diese Entscheidung haben wir bereits im Sommer 2011 getroffen. Es ist mal an der Zeit, Flagge zu zeigen. Wir haben seit zwölf Jahren immer zusammen gearbeitet und wir wollen auch weiterhin mit Tom Tykwer arbeiten.
Zu Beginn unserer Arbeit in den USA haben wir uns gegenseitig unterstützt. Ich hatte das größere Studio und er die besseren Kontakte. Ich bin damals von Deutschland nach Santa Barbara gezogen, war also zwei Stunden von Los Angeles entfernt – ein typischer Anfängerfehler. Denn wenn man nicht in der Zone 30 Meilen um Beverly Hills wohnt, ist es als Neuling nahezu unmöglich Kontakte zu knüpfen. Wenn man nicht schon 20 Jahre im Filmbusiness und bekannt ist, muss man in Los Angeles bleiben. Mich kannte damals aber keiner in L.A. – außer Nina Hagen, die in L.A. lebte. Nina ist das größte Bündel an Talent, das mir je begegnet ist. Wir haben damals ein paar Monate gemeinsam im Studio verbracht, das Projekt ist aber leider gescheitert, weil Nina kein Interesse mehr daran hatte.

Towiu: Sie haben nicht nur für Filme, sondern auch für einige TV-Serien die Musik geschrieben, etwa für die NBC-Serie „Awake“, die HBO-Serien „Deadwood“ und „John from Cincinnati“ oder die auch in Deutschland erfolgreiche Serie „Without a trace“ auf Kabel eins. Gibt es einen Unterschied in Ihrer Herangehensweise an ein Projekt, wenn Sie die Musik für einen Film schreiben oder für eine TV-Serie?
Reinhold Heil: Bei einer TV-Serie muss das Ganze schneller gehen und man versucht, einen eigenen Sound für die Serie zu finden. Zunächst vertont man den Pilotfilm sehr aufwändig und schöpft dann aus dem Fundus für die einzelnen Folgen der Staffel. Bei der Arbeit an einer TV-Serie muss man gut sortiert und vorbereitet sein, denn man arbeitet gleichzeitig an der Musik für mehrere Folgen. Während man das Ende von Folge zehn vertont arbeitet man am Mittelteil von Folge elf und gleichzeitig am Beginn von Folge zwölf.

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Von Schlüchtern über Berlin nach Hollywood – Reinhold Heil ist im Filmmekka angekommen. Foto: Michael Roud

Towiu: Was bedeutet die Nominierung für den Golden Globe als „Beste Original Filmmusik“ – sowohl für Sie persönlich, als auch für Ihre Karriere? Und wie haben Sie davon erfahren?
Reinhold Heil: Um sechs Uhr morgens hat mich mein Agent angerufen. Ich habe auf mein Telefon geschaut, seine Nummer gesehen und bin nicht rangegangen. Er hat dann nochmals angerufen und dann bin ich ans Telefon.
Vielleicht gibt diese Nominierung meiner Karriere einen weiteren Schub. Vielleicht denken die Filmemacher und Studios aber auch `vielleicht klingt’s ja scheiße, wenn er alleine schreibt´. Ich werde jedenfalls einfach Musik schreiben und die auf ein Album packen.

Towiu: Wie war es bei der Golden-Globe-Verleihung?
Reinhold Heil: Die Band „Pale 3“ durfte im großen Raum sitzen, unsere Begleitungen durften sich die Verleihung leider nur in einem „viewing room“ nebenan anschauen. Die Veranstaltung war interessant, es war sehr viel Sicherheitspersonal anwesend. Ben Affleck, George Clooney und Quentin Tarantino waren da und es war alles sehr nett. Ich saß ganz links und habe von dort sowohl die Bühne, als auch den Teleprompter im Blick gehabt. Außerdem sind die Geehrten an mir vorbei von der Bühne gegangen. Da konnte man schön beobachten, wer solch eine Auszeichnung schon öfter bekommen hat und für wen es eine neue Erfahrung war. Adele war fix und fertig, auch noch als sie von der Bühne ging.

Towiu: Sie waren schon für den Deutschen Filmpreis und für den Europäischen Filmpreis nominiert. Für einen Oscar wurde Ihre Filmmusik bisher leider nicht nominiert. Ärgern Sie sich darüber?
Reinhold Heil: Nein, darüber ärgere ich mich nicht. Man denkt im Vorfeld schon `vielleicht hat man eine Chance auf eine Oscar-Nominierung´. Aber es ist weit her geholt, daran zu glauben. Da ist so viel Politik im Spiel und die Wahrscheinlichkeit war klein, dass wir für einen Oscar nominiert werden. „Cloud Atlas“ war weder finanziell noch bei den Kritikern erfolgreich genug, um unter das „dreckige Dutzend“ zu kommen, aus dem die Oscar-Nominierungen hervor gehen.
Warner Brothers hat den Vertrieb in den USA übernommen und der Film ist in den liberalen Statten sowie in den großen Städten an der Ost- und Westküste gut gelaufen. In den konservative Städten und den ländlicheren Gegenden lief der Film nicht so gut wie erhofft. Hinzu kam, dass am Eröffnungswochenende der Hurrikan Sandy über die Ostküste gefegt ist und das erste Wochenende im wahrsten Sinne des Wortes komplett verhagelt hat, weil die Menschen nicht ins Kino gegangen sind. Und außer der Musik hatte „Cloud Atlas“ auch keine nennenswerte Nominierung für einen anderen Preis erhalten.

Towiu: Wie ist das Leben als Filmkomponist in L.A.? Glamourös?
Reinhold Heil: Nein, überhaupt nicht glamourös. Man arbeitet ganz viel zuhause. Ich wohne in einem Loft im Arts District, unweit der Union Station, am östlichen Rand von Downtown Los Angeles. Dort sitze ich in meinem Studio und bastele an Sounds. Die Leute denken immer, dass uns die Tantiemen nur so zufliegen, aber wir Filmkomponisten sind eine hart arbeitende Spezies.
Wenn dann ein Auftrag da ist, wird es noch härter, denn dann stehen oft Meetings an. Ansonsten ist es ein ständiges Strampeln wegen neuer Projekte. Der größte Erfolg ist es, die Chance zu bekommen, an richtig guten Filmen zu arbeiten. Es ist aber auch nicht einfach, die Perlen zu finden, also die kleinen Produktionen, die etwas werden können. Ich würde auch gerne mal Musik für Computerspiele machen, das wäre ein komplett neues Segment für mich.

Towiu: Sie haben auch an einem Song zum Film „Matrix Revolutions“ mitgearbeitet, dem letzten Teil der Matrix-Trilogie mit Keanu Reeves. Wie kam es dazu?
Reinhold Heil: Das war ein Song unserer Band „Pale 3“ als Auftragsproduktion. Johnny Klimek ist Australier und kannte einen der australischen Co-Produzenten von „Matrix Revolutions“. So kam der Kontakt zustande. Unser Song ist auch auf dem Filmsoundtrack und in diesem Zusammenhang entstand die Arbeit an „Cloud Atlas“, denn so hat Tom Tykwer die Wachowski-Geschwister kennen gelernt, die sowohl bei der Matrix-Trilogie, als auch bei „Cloud Atlas“ Regie führten. Dort zusammen mit Tom.

Towiu: Es gibt außer Ihnen noch weitere deutsche Filmkomponisten in Hollywood. Haben Sie Kontakt zu Hans Zimmer oder Harold Faltermeyer?
Reinhold Heil: Harold Faltermeyer habe ich erst vor eineinhalb Jahren kennen gelernt, er ist aber nicht mehr in L.A., sondern in Deutschland. Hans Zimmer ist hier einer der Großen, ich würde gerne mehr Kontakt mit ihm haben. Man kann von Kollegen eine Menge lernen und sich gegenseitig Tipps geben. Klaus Badelt habe ich noch nie getroffen, will ihn aber unbedingt einmal kennenlernen. Auch Matthias Weber und der Österreicher Paul Haslinger sind deutschsprachige Filmkomponisten hier in Los Angeles. Man trifft die deutschen Künstler in der „Villa Aurora“, einer Künstlerresidenz der Bundesrepublik Deutschland. Es ist ein unglaublich schönes Haus am Sunset Boulevard in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles.

Hintergrund:

Reinhold Heil

Reinhold Heil wurde 1954 in Schlüchtern (Hessen) geboren, ging nach dem Abitur nach Berlin zum Studium „Diplom-Tonmeister“ und spielte in den 70er und 80er Jahren in diesen Bands:
– Bakmak (1973-1977)
– Nina Hagen Band (1977-1979)
– Spliff (1980-1985)
– Cosa Rosa (1983-1986)
– Froon (1987-1989)
Während seiner Karriere arbeitete er unter anderem zusammen mit Curt Cress, Thomas D, Falco, Annette Humpe, Manfred Maurenbrecher, Ulla Meinecke, Nena, Franka Potente, Rainbirds, Rio Reiser, Stefan Remmler, Marianne Rosenberg, Stefan Waggershausen und Kim Wilde.
Seit 1997 lebt und arbeitet Reinhold Heil als Filmkomponist in Kalifornien. Er schrieb unter anderem die Musik zu den Filmen „Lola rennt“ und „Das Parfum“. Zusammen mit Tom Tykwer und Johnny Klimek erhielt er 2013 eine Nominierung für den Golden Globe für die Musik zum Kinofilm „Cloud Atlas“.
Reinhold Heil ist geschieden und hat zwei Söhne (12 und 14 Jahre alt).

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