Kampfsport
Wing Chun und Muay Thai unter einem Dach Von Joachim Herbert, 08.07.2009Kampfsport: Boxen mit Hand und Fuß / Harte Arbeit und weiche Bewegungen
Wing Chun und Muay Thai– zwei exotische Begriffe, die dem hiesigen Sportanhänger wenig bis gar nichts sagen und die auf die Frage nach ihren Bedeutungen oft nur ein Schulterzucken hervorrufen werden. Hinter Muay-Thai verbirgt sich jedoch eine Sportart, die in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gewonnen hat - das Thaiboxen. Und Wing Chun ist eine Variante des Kung Fu, die besonders durch das Kampfsport-Idol Bruce Lee bekannt wurde. Beide Kampfkünste werden von Sifu Thomas Krack in Fulda unter einem Dach unterrichtet.
Vor wenigen Wochen hat Krack sein neues Domizil in der Maberzeller Straße bezogen, denn die alten Räumlichkeiten in der Niesiger Straße waren aufgrund zunehmender Mitgliederzahlen zu klein. Nun können sich Kampfsportbegeisterte aller Altersklassen auf insgesamt 240 Quadratmetern austoben und im Boxring, am Sandsack und der Holzpuppe ihre Techniken üben, sowie an den Krafttrainingsgeräten ihre Physis stärken.
Harte Arbeit und weiche Bewegungen
Üben, üben üben ist beim Wing Chun unbedingt erforderlich. Denn schließlich sollen die Bewegungen und Prinzipen in Fleisch und Blut übergehen und automatisch erfolgen. Eines dieser Prinzipien lautet: „Ist der Weg frei, stoße vor“ – das hört sich einfach und logisch an. Ist es auch, und trotzdem steckt dahinter im wahrsten Sinne des Wortes „harte Arbeit“. Denn genau das ist die Bedeutung des Begriffs Kung Fu, dessen Grundsätze genauso einleuchtend sind, wie seine Bewegungsabläufe. Und trotzdem dauert es Jahre, bis man diese ebenso faszinierende wie effektive asiatische Kampfkunst auch nur annähernd beherrscht.
Im Westen ist Kung Fu besonders in den siebziger Jahren durch die gleichnamige TV-Serie und Filme mit dem Kampfsport-Idol Bruce Lee bekannt geworden. Doch hinter der Bezeichnung Kung Fu steckt weit mehr als bloßes Kämpfen. Kung Fu ist eine Kunst, die körperliche Beherrschung im Laufe der Jahrhunderte mit einer Reihe geistiger Disziplinen verknüpfte. So ergeben neben der Selbstverteidigung Einflüsse der Philosophie, Psychologie, chinesischen Medizin, Logik und Meditation die heutige Lehre des Kung Fu. Unter diesem Oberbegriff sind mehr als 400 verschiedene Stilrichtungen zusammen gefasst, eine selbst für Kampfkunstexperten kaum überschaubare Vielzahl. Nach dem Tai-Chi-Chuan ist das Wing Chun Kung Fu das wahrscheinlich bekannteste chinesische Verteidigungssystem.
Die Schüler erlernen Körperbeherrschung, Kontrolle einer Situation und letztlich eines Angreifers im Falle einer Notwehr. Erreicht wird dies durch spezielle Übungen, die dem Ausführenden Stabilität, Mobilität und Flexibilität geben – und das nicht nur im physischen Sinne.
Um diese Fähigkeiten auf entsprechend hohem Niveau zu halten, üben nicht nur alle Schüler miteinander, sondern die Lehrer des Wing Chun trainieren kontinuierlich miteinander und mit ihrem Sifu, dem „väterlichen Lehrer“. Und das ein Leben lang und nicht, weil einer dem anderen beweisen muss, dass er besser ist.
Muay Thai = freies Boxen
Beim Thaiboxen geht es etwas härter zur Sache. Sparring ist an der Tagesordnung und schult das Anwenden der erlernten Bewegungsabläufe, mit deren Hilfe sich Männer und Frauen gleichermaßen erfolgreich zur Wehr setzen können. Das Thaiboxen beinhaltet Abwehr- und Kontertechniken gegen bewaffnete und unbewaffnete Angreifer, die leicht erlernbar sind. Wie bei jedem anderen Sport bedarf es jedoch auch hier einer gehörigen Portion Ehrgeiz und Training, bis man diese Techniken im Ernstfall effektiv einsetzten kann.
Entstanden ist Muay Thai („freies Boxen“; Muay = Boxen, Thai = frei) im 13. Jahrhundert in Thailand, und zwar als ein Verteidigungssystem zum Schutz vor feindlich gesinnten Völkern. Vom damaligen thailändischen König wurde es in ein geordnetes System gebracht, nach dem seine Soldaten trainiert wurden. Das Muay-Thai früherer Jahrhunderte unterscheidet sich in der Art seiner Ausführung wesentlich von dem heutiger Zeiten - nicht jedoch in der Anwendung seiner Techniken. Während die Kämpfer damals zur Stärkung der Fäuste und Füße auf Palmenstämme einschlugen und es bei Kämpfen weder Gewichtsklassen noch eine Rundeneinteilung gab, hat sich diese alte Kampfkunst durch die Änderung der Regeln in einen attraktiven Kampfsport gewandelt.
Doch was unterscheidet das Muay-Thai eigentlich vom Boxen? Die augenscheinlichste Tatsache ist, dass nicht nur die Hände zum Kämpfen eingesetzt werden dürfen. Neben den Fäusten stehen dem Thaiboxer seine Ellenbogen, Schienbeine, Knie, der Kopf und die Fußsohlen zur Verfügung, um wirksame Treffer zu erzielen.
Im Amateurbereich agieren die Kämpfer jedoch mit einer kompletten Schutzausrüstung, damit es nicht zu Verletzungen kommt. Kopfschutz, Brustschutz, Mundschutz, Tiefschutz, Ellbogenschutz, Schienbeinschützer und Boxhandschuhe sorgen dafür, dass beide Kämpfer ihr Aufeinandertreffen möglichst schadlos überstehen. Dabei ist die Ausrüstung leicht, um die Bewegungsfreiheit der Akteure nicht zu beeinträchtigen. Bei den Profis geht es dagegen etwas härter zur Sache, hier trägt der Kämpfer nur Mundschutz, Tiefschutz und Boxhandschuhe. Eine solche Auseinandersetzung im Ring sieht für den Zuschauer zunächst natürlich brutal aus, läuft aber nach strengen Richtlinien ab.
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