Rock'n'Roll
Metal-Mekka liegt in Wacken Von Joachim Herbert, 05.08.2008Wacken Open Air * 2008: Größtes Heavy-Metal-Festival der Welt
Die wichtigste Nachricht zuerst: Heavy Metal lebt! Davon konnten sich am vergangenen Wochenende alle überzeugen, die den Weg nach Wacken gefunden hatten und dort mit 75.000 Gleichgesinnten das größte Heavy-Metal-Festival der Welt feierten.
Drei Tage war der 2.000 Einwohner zählende Ort zwischen Hamburg und Dänemark das Mekka der Metalgemeinde, die sich von vormittags bis tief in die Nacht die Ohren mit lauter - wenn auch nicht immer schöner – Musik voll dröhnen ließ.
Dass Musik Geschmackssache ist, zeigte sich auch in Wacken. Denn Heavy Metal ist nicht gleich Heavy Metal. Da gibt es Hard Rock, Power Metal, Melodic Metal, Black Metal, Dark Metal, Speed Metal, Death Metal und so weiter. Bedient wurde jedes Genre, die meisten Fans begeisterten jedoch die drei Hauptacts: Donnerstagabend Iron Maiden, Freitagabend Avantasia und Samstagabend Nightwish.
Kein Kran für Iron Maiden
Iron Maiden lieferten eine gute Show, doch Sänger Bruce Dickinson ließ den Superstar heraushängen, beschwerte sich über den Kamerakran, der ihm die Sicht zum Publikum versperrte und meckerte die beiden „Kranführer“ mit derben Flüchen an, sie sollten den „fucking crane“ aus seinem Sichtfeld nehmen. „Wir sind hier nicht bei einer TV-Show, wir sind hier bei einem Rockkonzert“, so der Maiden-Sänger. Die beiden Bühnenmitarbeiter wussten nicht so recht, wie ihnen geschah, wurden dann letztlich jedoch angewiesen, den Kran unten zu lassen. Die Kameraschwenks über die Zuschauermassen waren für die Maiden-Show passé, aber Bruce Dickinson hatte freie Sicht. Superstargehabe oder Einsatz für die Fans? Sei’s drum, der Abend war ein Spaß, das Konzert gut und die Fans zufrieden.
Gänsehaut auf der Bühne
Glückliche Gesichter gab es auch am nächsten Abend. Tobias Sammet ging mit seinem Metalprojekt Avantasia kurz nach Mitternacht als Headliner auf die Bühne und spielte vor offiziell 75.000 begeisterten Zuschauern. Gemunkelt wird jedoch, dass weit mehr Besucher auf dem Festivalgelände waren und sich die Zahl der Fans auf 110.00 belaufen hat.
Wie beeindruckt Sammet von dieser Kulisse war, ließ sich aus dem Fotograben unterhalb der Bühne gut von seinen Lippen ablesen. Denn nicht nur einmal blickte er glücklich und fasziniert zugleich ins Publikum und sagte vor sich hin: „Unglaublich.“
Unglaublich war auch die Show, die er mit seiner Band ablieferte und als die Menge „Tobi, Tobi“ rief und sich später alle Arme in einer Welle von links nach recht und wieder zurück bewegten, hatte wohl auch der letzte auf der Bühne Gänsehaut.
„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Tobias Sammet nach der Show. „Mich haut ja nicht viel um, aber Wacken war etwas Besonderes. Leute soweit das Auge reichte, ich konnte gar nicht bis zum Ende schauen. Zwischendurch habe ich mal gedacht `Meine Fresse, was für eine Karriere`. Mehr geht nicht, mehr kannst du nicht erreichen.“
Was kann also noch kommen, nachdem man als Headliner auf dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt gespielt hat? „Ich bin für einen Musiker noch jung“, so der 30-Jährige. „Ein paar Jährchen habe ich noch. Man darf nicht davon ausgehen, dass sich so etwas ständig wiederholt, aber man kann ja darauf hin arbeiten. Und weiterhin Spaß an der Musik zu haben ist wichtig.“
Nackte Frauen und Lämmerschädel
Neben der gelungenen Show von Avantasia gab es jedoch auch Auftritte, die Zweifel am geistigen Potential der Band wecken. Wirklich „krank“ war die Performance der norwegischen Black-Metal-Band Gorgoroth. Vier Kreuze waren auf der Bühne platziert, an denen zwei nackte Männer und zwei nackte Frauen gefesselt waren, jeweils mit einem schwarzen Stiefelbeutel über dem Kopf. An den Seiten der Bühne waren Totenschädel von Lämmern platziert und die von der Band produzierten Geräusche kann man getrost als Lärm und nicht als Musik bezeichnen.
Hinzu kamen ein Make-Up, das wie eine Horrorvision von Kiss aussah und Dutzende von mindestens 20 Zentimeter langen Stacheln an den Lederband.besetzten Unterarmen.
Veranstalter Thomas Jensen war auch nicht gerade begeistert von diesem Auftritt. „Wir lassen den Künstlern jedoch freie Hand bei ihrer Show. Ich weise auch noch einmal darauf hinweisen, dass die Tierköpfe auf der Bühne nicht von Schafen waren, denn das ist in Deutschland verboten.“ Um anzufügen: „Die Köpfe waren von Lämmern, denn die sind nicht verboten.“ Hoch lebe der deutsche Paragraphendschungel.
Schwarz soweit das Auge reicht
Neben ungewöhnlichen Bands gab es natürlich auch einige ungewöhnliche Fans zu bestaunen. Die fielen wohltuend auf im Meer der ansonsten schwarz gekleideten Metalanhänger, die zwar für sich beanspruchen, anders zu sein als der spießige Rest der Gesellschaft, auf einem Festival dann aber doch in „Uniform“ auftreten. 95 Prozent der T-Shirts dürften schwarz gewesen sein, dazu Armeeshorts und Springerstiefel - fertig ist die Metaltracht.
Hinter Bühne war die Kleidung weniger eintönig und auch das Programm war vielfältig. Pressekonferenzen wechselten sich ab mit Listening Sessions, in denen die Musiker einige ihrer neuen Stücke präsentieren. Doro Pesch machte Werbung für ihr Konzert zum 25jährigen Bühnenjubiläum im Dezember und die Musiker gönnten sich nach ihren Auftritten das ein oder andere Bier.
28 Sattelschlepper voll Stahl
Wie in jedem Jahr wurde auch diesmal wieder eine Menge an Material verbaut, um das Festival zu einem besonderen Ereignis zu machen. 28 Sattelschlepper waren nötig, um den Stahl für die Bühnen anzuliefern. Die Bühnenbauer brauchten eine Woche, um die beiden Großbühnen sowie die kleinere Partystage und die W.E.T.-Stage aufzubauen. Um allen Bands den besten Sound und das beste Licht zu garantieren, hatten 35 volle Sattelschlepper Ton- und Lichtmaterial nach Wacken gebracht. Insgesamt 30 Stapler, Gelände- und Pritschenwagen waren drei Wochen im Dauereinsatz, um das Festival aufzubauen und 20 Shuttlefahrzeuge sorgten dafür, dass jeder Musiker pünktlich zu seinem Auftritt auf der Bühne stand.
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Hallo Joachim,
ein sehr gut geschriebener Artikel mit sehr schönen Bildern. Glückwunsch und weiter so.
Gruß
Roland