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Avantasias dritter Streich Von Joachim Herbert, 16.01.2008Tobias Sammet veröffentlicht seine neue CD in über 60 Ländern
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus - und die Veröffentlichung der CD „The Scarecrow“ ist in der Metalszene ein solches Ereignis. Das Werk des Fuldaers Tobias Sammet wird weltweit in mehr als 60 Ländern gleichzeitig veröffentlicht, von ganz Süd- und Mittelamerika über China, Japan, Taiwan bis nach Neuseeland.
Seit Jahren ist Sammet als Frontmann der Fuldaer Power-Metalband Edguy in der Szene ein Begriff. Neben Erfolgen in Südamerika und Asien mit Edguy hat der 30-Jährige auch das viel beachtete Projekt Avantasia am Start, in dem er verschiedene Künstler um sich schart und in den Jahren 2001 und 2002 die Teile eins und zwei seiner „Metal Opera“ auf den Markt brachte.
Seit dieser Zeit ruhte das Projekt und Sammet tourte mit Edguy durch die Weltgeschichte. Jetzt hat er seinem „Baby“ Avantasia neues Leben eingehaucht und eine dritte CD produziert. Einen Vorgeschmack auf das neue Album gibt es schon seit einigen Wochen, denn die beiden EPs „Lost in Space“ Part 1 und Part 2 sind im Handel und äußerst erfolgreich gestartet. So stieg Avantasia Anfang Dezember von null auf Platz neun der deutschen Singlecharts ein, in Schweden sogar auf Rang drei und vier.
Alice Cooper singt
„Eigentlich dachte ich nach den beiden ersten Alben, dass ich diesen Aufwand nicht mehr betreibe. Es war einfach sehr viel Stress, das ganze Projekt zu schultern“, sagt Tobias Sammet. „Jetzt sieht es aber anders aus. Ich kenne inzwischen mehr Leute und habe mir vorgestellt, wie viel einfacher es werden kann. Schließlich hatte ich Erfahrungswerte.“ Und so nahm er „The Scarecrow“ in Angriff.
Die Melodien und Texte stammen, abgesehen von den Coverversionen auf den EPs, aus der Feder des kreativen Metallers, Unterstützung hat er sich dennoch mit ins Boot geholt. Und die kann sich wahrlich sehen und hören lassen. Alice Cooper, Rudolf Schenker von den Scorpions und Kiss-Drummer Eric Singer, der das komplette Album eingetrommelt hat, sind nur einige der namhaften Künstler, die Tobias Sammet von seinem Projekt überzeugen konnte. Doch wie kam es zur Zusammenarbeit mit Rockgrößen, die so lange im Geschäft sind, wie Sammet an Jahren zählt?
„Zuerst habe ich die Basis für dieses Projekt gelegt und da war klar, dass Sascha Paeth als Gitarrist und Produzent dabei ist“, so Sammet. „Eric Singer hatte ich früher auf einem Festival kennen gelernt und wir haben Telefonnummern ausgetauscht. Und da Eric nicht nur bei Kiss, sondern auch bei Alice Cooper trommelt, hat er den Kontakt zu Alice Cooper hergestellt. Rudolf Schenker hat sich in Interviews positiv über Edguy geäußert, also habe ich Kontakt zu ihm aufgenommen.“
Klingt alles ganz einfach. Trotzdem ist es schon erstaunlich, welch namhafte Rockgrößen ihren Teil zu „The Scarecrow“ beigetragen haben. „Vornehmlich wollte ich aber eine Platte für mich selbst machen und habe Musiker angesprochen, zu denen ich eine Beziehung habe“, erklärt Tobias Sammet die weitere Vorgehensweise. Außerdem mussten die Stimmen der Künstler zu den Charakteren des Konzeptalbums passen.
„The Scarecrow“ grenzt sich ab
Mit den ersten beiden Alben hat die dritte CD inhaltlich jedoch nichts mehr zu tun. Diesmal geht es um einen Menschen, der aufgrund von Wahrnehmungsstörungen isoliert aufwächst und sich in Klangwelten flüchtet.
Doch das ist nicht der einzige Unterschied zwischen diesem und den Vorgängeralben. „Die ersten Platten stammen von einem 20-Jährigen mit sehr guten Songideen, aber limitierten Möglichkeiten, diese umzusetzen. „The Scarecrow“ ist vielseitiger, erwachsener und weniger kitschig als die Metal Opera I und II“, beschreibt Tobias Sammet das neue Werk. „Es gibt Elemente von Meat Loaf und Queen und die Story ist eine Mischung aus „Edward mit den Scherenhänden“ und „Goethes Faust“.
Auf den beiden Teilen von „Lost in Space“, die seit wenigen Wochen als EP auf dem Markt sind, hat Sammet nicht nur eigene, sondern auch fremde Songs interpretiert. Doch passen Coverversionen von Abba („Lay all your love on me“), Ultravox („Dancing with tears in my eyes“), Freddie Mercury („In my defence“) und Lucifer´s Friend (“Ride the sky”) zu einem Powermetalprojekt? „Die beiden Lieder von Abba und Ultravox sind für mich Bombastrocksongs, wo jemand vergessen hat, die Gitarren drauf zu packen”, erklärt Sammet seine ungewöhnliche Wahl, die auch bei seinen Fans auf ein geteiltes Echo stößt.
Diskussionen im Netz
Im Internet diskutieren sich die Fans bei youtube und myspace die Köpfe heiß, ob Sammets Avantasia nun den Ausverkauf gestartet hat. „Zu kommerziell“ und „das hat nichts mehr mit Avantasia zu tun“ heißt es da genauso häufig wie „tolle Musik“.
Und was hält Tobias Sammet von den Diskussionen im Netz? Die spontane Antwort ist: „Es nervt. Gerade die Rockfans beanspruchen für sich, anders zu sein und pochen auf Freiheit, Toleranz und Kompromisslosigkeit“, sagt er. „Aber wehe du machst nicht, was sie erwarten“ fügt Sammet ironisch hinzu.
„Klar wollen die Leute immer, dass man die alten Platten „noch mal“ aufnimmt. Aber das wäre kommerzieller Ausverkauf. Es wurmt schon, wenn die Leute von etwas schreiben, wovon sie keine Ahnung haben. Da muss man ein dickes Fell haben.“
Besonders, wenn man mit viel Herzblut und Zeitaufwand an einem Projekt gearbeitet und dabei auch keine Kosten gescheut hat. Das Album wurde teurer als geplant, denn „wir haben alles vom Feinsten gemacht, so als wäre es unsere letzte Produktion“, sagt Sammet. „Ich habe mehr Respekt vor dem ganzen Projekt und der eigenen Kunst, wenn ich diese Herangehensweise wähle. Sascha Paeth hat alleine 48 Tage gemixt, für die Chorsession waren neun Gospelsängerinnen im Studio und die Videos zu „Lost in Space“ und „Carry me over“ wurden in Belgrad gedreht, weil der Videoregisseur einfach gut ist.“
Headliner in Wacken
Zieht man all diese Faktoren in Betracht, scheint der Erfolg vorprogrammiert zu sein. Doch Tobias kontert: „In Deutschland ist es schwer. Mit einem deutschen Namen, als deutscher Künstler - ich bin nicht hip genug.“
In den Radiostationen wird eben lieber die massenkompatible Musik von Bon Jovi gespielt. Aber vielleicht geht das Projekt Avantasia ja einen ähnlichen Weg wie die Scorpions, die über den großen Erfolg im Ausland endlich auch in Deutschland breite Anerkennung fanden. Die Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben. Am 25. Januar fällt der Starschuss und Tobias Sammet nennt Deutschland, Japan und Schweden als die Länder, in denen die CD am erfolgreichsten sein dürfte.
Im Sommer spielen Avantasia zum ersten Mal einige Festivals, unter anderem auch Europas größtes Heavy-Metal-Festival in Wacken, und zwar als Headliner neben Iron Maiden. „Wir bekamen die Zusage als Headliner, ohne dass der Veranstalter einen Ton der neuen CD gehört hatte“, verrät Sammet. Alleine das zeigt das Vertrauen der Metalszene in Tobias Sammets musikalische Kreativität. Ab dem 25. Januar können wir uns alle davon überzeugen.
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