Fußball
Wenn einer eine Reise tut… Von Joachim Herbert, 09.08.2007Fußball * Story: Fuldaer Physiotherapeut Lutz Meissner beim Asien-Cup
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. So auch der Fuldaer Physiotherapeut Lutz Meissner, der die thailändische Fußball-Nationalmannschaft beim Asien-Cup in Bangkok betreute. Während seines Aufenthalts in der thailändischen Hauptstadt erlebte er die ein oder andere skurrile Geschichte.
Ihre komplette Vorbereitung auf den Asien-Cup – vergleichbar mit der Europameisterschaft – absolvierte Thailands Nationalmannschaft auf Initiative von Lutz Meissner in Fulda. Und die Zeit in der Domstadt scheint den Asiaten gut getan zu haben, denn es gab nach Aussage der Asiaten noch nie eine thailändischen Fußball-Nationalmannschaft, die über 90 Minuten so marschiert ist wie diese.
Lutz Meissners Trainings- und Behandlungsmethoden wurden von den Spielern gut angenommen – beim „cool down“ jedoch erst nach einigem Zögern. Denn hier sollten sich die Akteure nach einer anstrengenden ersten Halbzeit in der Pause mit in Eiswasser gekühlten Handtüchern Abkühlung verschaffen. Das durchschwitzte Trikot wurde ausgezogen und für wenige Minuten gegen ein eiskaltes Handtuch getauscht. Nach anfänglichen Beschwerden in der Vorbereitung – „Lutz, das ist so kalt“ – haben die Spieler während des Turniers in der Halbzeitpause sogar mehrmals nach dieser unkonventionellen „Erfrischung“ verlangt.
Gesunde Säfte bevorzugt
Auch mit dem ausufernden Konsum der Spieler von Cola und Limonaden war es in der Gegenwart von Lutz Meissner vorbei. Schließlich gibt es in Thailand zahlreiche gesunde Säfte als Erfrischung. So nahm der Fuldaer „Medizinmann“ in vielen Bereichen kleinen und großen Einfluss auf die Spieler. Das Einreiben mit Wärmesalbe vor dem Spiel hat ebenfalls er verboten – denn in der Hitze Asiens ist das nun wirklich nicht vonnöten.
Dass Meissners gute Arbeit leistete beweist, dass sich in den insgesamt sechs Wochen seiner Betreuung lediglich ein Spieler verletzte und eine leichte Adduktorenzerrung davon trug.
Auch wenn das „Aus“ für Thailand schon in der Vorrunde kam und man die Gruppe nur als Dritter von vier Teams abschloss, waren die Verantwortlichen mit der Leistung der Mannschaft zufrieden. Schließlich erreichte Thailand in den Gruppenspielen neben dem 0:4 gegen Australien ein 1:1 gegen den späteren Titelträger Irak und beim 2:0 über den Oman den ersten Sieg gegen dieses Land seit 42 Jahren.
Für diesen Erfolg erhielten die Spieler vom Verbandspräsidenten Worawi Makudi umgerechnet 300 Euro pro Nase. Das jedoch nicht in der Kabine oder per Überweisung: Der Präsident kam mit einer Tüte voll abgezählter Geldscheine nach dem Spiel auf den Platz und verteilte die „Belohnung“ direkt an die Spieler – und das vor laufender Kamera.
Für das Überstehen der Gruppenphase und den Einzug unter die letzten acht Teams hätte jeder Akteur übrigens das Dreifache bekommen. 900 Euro für das Erreichen des Viertelfinales einer kontinentalen Meisterschaft – für unsere deutschen Kicker sicher nicht vorstellbar.
Doch nicht nur die Bezahlung läuft unkonventioneller ab als in unseren Breiten. Nach Abschluss der Vorrunde fand eine große Pressekonferenz statt und neben Lutz Meissner waren alle 23 Spieler des Turnierkaders, weiteren sieben Ersatzspieler, die Trainer, Betreuer und Abgesandte des Militärs zugegen. Es war jedoch nicht das typische Frage-Antwort-Spiel, sondern fand im Rahmen eines Essens statt. Während dieses Essens traten die anwesenden Reporter an die Spieler heran, um ihre Fragen zu stellen. Die Pressekonferenz wurde live im thailändischen Fernsehen übertragen und auch der Fuldaer Physiotherapeut stand Rede und Antwort.
Nike ist neuer Sponsor
Dass es in und um die Nationalmannschaft in Thailand etwas lockerer zugeht als in Deutschland beweist auch die Tatsache, dass einer der besten Mittelfeldspieler während des Turniers heiratete und zu diesem Zweck eineinhalb Tage frei bekam. Natürlich war die komplette Mannschaft bei der Hochzeit zugegen, was der Form der Spieler sicherlich nicht zuträglich war. Aber Lutz Meissner war um eine Erfahrung reicher. Zum ersten Mal nahm er an einer buddhistischen Hochzeit teil.
Auch die Präsentation der neuen Nationaltrikots fand während des Turniers statt. Sportartikelhersteller Nike wurde für fünf Jahre als neuer Sponsor gewonnen und die Spieler fungierten als Models bei der Vorstellung der brandneuen Kollektion. Auch hier von Abschotten und Konzentration auf die nächste Partie keine Spur.
Doch es geht auch anders, wie Lutz Meissner zu berichten weiß: „Vor jeder Partie sind alle Spieler, Trainer und Betreuer zu einem der zahlreichen kleinen Tempel in Bangkok gegangen und haben jeweils drei Räucherkerzen angezündet und so um ein gutes Gelingen gebeten. Der Trainer hat jedem seiner Schützlinge vor jedem Spiel ein Gebet und ein Amulett gegeben und auf der Fahrt zum Spiel wurde im Bus die Hymne auf den König gesungen.“
Die Mutter ist immer dabei
Ein weiterer Höhepunkt seiner Asienreise war das Aufeinandertreffen mit der Tochter des asiatischen Fußballverbandspräsidenten. Dieser „asiatische Michel Platini“ ist der Bruder des Scheichs von Katar und dementsprechend luxuriös residierte seine Tochter. Meissner wurde also in das exquisite Gemach der 22-jährigen BWL-Studentin gebeten und befreite diese von ihren Rückenschmerzen. Es dauerte jedoch bis nach der zweiten von vier Behandlungen, ehe die junge Dame ihre Kopfbedeckung erstmals abnahm. Und von einer Behandlung wie bei uns üblich konnte keine Rede sein. Nur Hände und Füße waren unbekleidet, die Massage der Moslemin erfolgte durch die Bekleidung hindurch. Und damit auch nichts schief ging, schaute die Mutter immer mal durch die Türe und hatte ein wachsames Auge auf ihre Tochter.
Lutz Meissners Reise nach Asien war also voll von interessanten Erlebnissen und bereits im Dezember ist der Fuldaer wieder vor Ort. Dann finden im Norden Thailands die zwölftägigen SEA-Games (South-East-Asian-Games = Süd-Ost-Asien-Spiele) statt und Meissner betreut erneut die Fußballer des Königreichs, die mit ihrer U23-Nationalmannschaft teilnehmen werden. Und wenn er zurückkommt, heißt es mit Sicherheit wieder: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.
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