Fußball
Borussia und Flieden müssen sich entscheiden Von Joachim Herbert, 05.10.2006Fußball * Oberliga: Frühstück mit Henry Lesser und Jörg Meinhardt
Natürlich steht das Oberliga-Derby zwischen Borussia Fulda und Buchonia Flieden derzeit im Mittelpunkt des Interesses, doch bietet ein gemeinsames Frühstück mit den beiden Trainern Henry Lesser und Jörg Meinhardt die Möglichkeit, etwas hinter die Kulissen zu Blicken und mehr anzusprechen, als nur den nächsten Spieltag. Beide ziehen ihre Zwischenbilanz der bisherigen Saison, geben Auskunft über kommenden Aufgaben und Ziele sowie die Jugendarbeit und schöne Momente im Fußball.
Ein Drittel der Saison ist bereist gespielt und somit bietet sich die Gelegenheit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wurden die Erwartungen erfüllt, vielleicht sogar übertroffen? Im Fall von Borussia sicherlich letzteres, denn die Fuldaer spielen als Aufsteiger ein überraschend gute Rolle. Platz fünf und die zweitbeste Abwehr (nur acht Gegentore in zwölf Spielen) stehen zu Buche. Trainer Henry Lesser ist entsprechend zufrieden, tritt jedoch gleichzeitig auf die Euphoriebremse: „Mit unserer Punktezahl bin ich hochzufrieden, im Moment hängen wir etwas in einem Tal. Es ist jedoch ein Vorteil, wenn man mit 18 Punkten in einem Tal hängt, als wenn man dort mit acht Punkten steht.“
Die Stimmung in der Mannschaft ist nach nur einem Zähler aus den letzten drei Spielen etwas gedrückt und Lesser stellt fest, „dass wir uns im taktischen Verhalten verschlechtert haben“. Doch wie kommt das, nachdem die Borussen zuvor eine Serie von fünf Spielen ohne Gegentor (davon vier gewonnen) hingelegt hatten? Henry Lesser hat eine Erklärung: „Da ist viel Psyche im Spiel. Es ist oft so, dass man zehn Minuten richtig gut spielt, dann reicht aber ein Fehlpass oder eine Aktion, die die Mannschaft verunsichert: Die Zuschauer fragen sich warum, aber es gibt letztlich keine Erklärung und man kann auch von außen nicht mehr großartig einwirken.“
„Uns gäbe es nicht mehr ohne die Jugend“
Grund könnte sein, dass bei Borussia in letzter Zeit wenig im taktischen Bereich trainiert wurde. „Wenn man gewisse Dinge im Training nicht ständig anspricht, werden taktische Vorgaben nicht mehr so umgesetzt, wie ich mir das wünsche“ sagt Lesser. „Es sind viele Spieler dabei die taktisch noch nicht ganz so weit sind und Dinge noch nicht automatisch abrufen können“.
Lesser stellt fest, dass die Zuschauer den jungen Akteuren zurzeit viel mehr verzeihen als noch vor zwei oder drei Jahren. Die jungen Spieler müssen sich selbst die Zeit nehmen, sich zu entwickeln und viele haben laut Lesser damit zu kämpfen, dass in der Oberliga ein schnellerer Fußball gespielt wird, als in der Landesliga. Dennoch stellt er fest: „Uns gäbe es nicht mehr ohne die Jugend“. Denn besonders in der letzten Saison, als die Borussen die Meisterschaft gewannen, wurde die erste Mannschaft aufgrund von Personalmangel immer wieder mit jungen Spielern „aufgefüllt“, die auch noch in der A-Jugend auflaufen konnten.
Andere Klubs arbeiten unter Profibedingungen
Mit dem Problem des Spielermangels und eines (zu) kleinen Kaders kämpft auch Jörg Meinhardt in Flieden. Seine Mannschaft legte ebenfalls eine gute Serie hin, und zwar gleich zu Beginn der Punktrunde, als man vier der ersten fünf Partien gewann. Seitdem läuft es jedoch nur noch holprig in Flieden und Meinhardt sagt, er „kann nicht zufrieden sein, egal welche Komponenten dafür ausschlaggebend sind. Wir suchen nicht nach Entschuldigungen, man muss jedoch sehen, dass wie momentan weit von unserer Form entfernt sind.“
Angestrebtes Saisonziel war laut Jörg Meinhardt ein einstelliger Tabellenplatz. Für viele Außenstehende eine sehr vorsichtige Prognose, doch Meinhardt kontert: „Wir werden im Vergleich zu anderen Teams nach oben gehoben. Steinbach oder Waldgirmes haben einen sehr guten Kader, können ganz anders arbeiten, teilweise unter Vollprofibedingungen. Auch Viktoria Aschaffenburg hat zu 80 Prozent Profis. Unser Kader verfügt nun mal nicht über die Größe, um Ausfälle entsprechend kompensieren zu können. Gewisse Positionen sind nur einmal besetzt und wenn diese Säulen zeitweise nicht die nötige Fitness haben, die man in der Oberliga benötigt, dann bricht eine Mannschaft zwar nicht komplett zusammen, aber Dinge wie System und Kontinuität können nicht mehr perfekt umgesetzt werden.“
Das Problem des kleinen Kaders könnte sich in den nächsten Jahren bessern, denn in Flieden erntet man derzeit die Früchte guter Jugendarbeit. Stürmer Dennis Sorg, der noch im zweiten Jahr der A-Jugend spielen kann, hat bereist einige Oberligaeinsätze in der ersten Mannschaft zu Buche stehen und auch Sven Möller steht Gewehr bei Fuß. In den nächsten zwei bis drei Jahren hat Buchonia Flieden einiges Potential und baut auf junge Nachwuchsspieler, die von engagierten Jugendtrainern an höhere Aufgaben heran geführt werden sollen.
Dritte Liga kommt
Wie wichtig der gut funktionierende Unterbau auch im Hinblick auf mögliche höhere Aufgaben ist, wissen die Trainer nur allzu gut. Schließlich kommt mittelfristig eine eingleisige dritte Liga und damit einher geht eine dreigeteilte Regionalliga, die dann viertklassig ist. Dass diese Liga sowohl in Fulda, als auch in Flieden unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu stemmen ist, ist allen Verantwortlichen klar. Hier sehen beide Trainer die Entwicklung ähnlich. Jörg Meinhardt: „Im nächsten halben Jahr muss sich der Verein outen, wohin wir wollen.“ Das bedeutet im Klartext: Will man die sportliche Herausforderung annehmen und sich für die Regionalliga qualifizieren, dann müssen im Umfeld Veränderungen stattfinden. Die Mannschaft könnte dann nicht mehr aus Amateuren bestehen, die nach der Arbeit ins Training gehen, sondern müsste unter Profibedingungen arbeiten. In der vergangenen Saison unternahm man in Flieden bereist die Anstrengungen und gab die Bewerbungsunterlagen für die Regionalliga ab. „Damals war es Flieden den Zuschauern und den Spielern schuldig“ so Meinhardt.
Henry Lesser sieht auf Borussia Fulda die gleiche Frage zu kommen: „Wir müssen die Entwicklung abwarten, aber man muss sich dann zwischen Profitum und Amateurstatus entscheiden.“
Sollten sich beide Vereine für den Weg in Richtung Regionalliga entscheiden, könnten auf die beiden Trainer wieder ähnlich tolle Zeiten zukommen, wie sie sie bereist vor einigen Jahren erlebten. Für Jörg Meinhardt war die Oberliga-Meisterschaft als Trainer von Borussia Fulda eines der schönsten Erlebnisse seiner Karriere. „Wir waren aus der Regionalliga abgestiegen und haben den direkten Wiederaufstieg geschafft, obwohl vorher alle sagten ´ihr werdet durchgereicht´.“ Und vielleicht erlebt auch Henry Lesser wieder einen dieser „unerwarteten Momente, denn das sind die schönsten. Jede Meisterschaft ist etwas besonderes, so wie die Landesliga-Meisterschaft im letzten Jahr.“
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