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Kampfsport

Sensenmann oder Ritter? Von Joachim Herbert, 19.02.2003

Kendo * Story: Japanischer Schwertkampf ist Sport und Lebenseinstellung

„Hagimae“ (Beginnen) hallt es durch den Raum. Die Gestalten mit den Bambusschwertern in der Hand erinnern an eine Mischung aus Sensenmann und Ritter – und schaut man auf die Geschichte ihres Sports, dann hatten zumindest die geistigen Vorfahren dieser unheimlich wirkenden Geschöpfe ein wenig von beiden. Denn diese Menschen betreiben Kendo, die japanische Schwertkampfkunst. Und ihre spirituellen Ahnen sind die Samurai, japanische Ritter früherer Jahrhunderte.

Der „Weg des Schwertes“, so die deutsche Übersetzung des japanischen Worts Kendo, ist für viele nicht nur ein Sport, sondern auch der Weg ihres Daseins, eine Lebenseinstellung. Das war Kendo auch schon vor mehr als sechshundert Jahren, als die Samurai in Japan ihren Lebensunterhalt auch durch die Benutzung des Schwertes bestritten. Diese Männer gehörten der Kriegerkaste an, und nur deren Mitgliedern war das Tragen eines Schwertes gestattet. „Schwert“ ist in diesem Fall identisch mit Katana, der nur auf der körperabgewandten Seite extrem scharfen, leicht gekrümmten japanischen Klinge.

Körper und Geist
Bis in das neunte Jahrhundert reichen die Wurzeln des Kendo zurück. Damals ging es jedoch primär um die Anwendung von Kampftechniken, der geistige Aspekt dieser Kampfkunst kam erst in späteren Zeiten hinzu. In den frühen Jahren beschränkte sich Kendo auf das Schlagen, Stoßen und Stechen des Schwertes und ähnelte damit dem europäischen Kampfstil der Ritter.
Erst Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Flut der unterschiedlichen Kampfstile vereinheitlicht und es entstand der Vorläufer des Kendo, das Kenjutsu (Die Kunst des Schwertes). Die ersten Schulen wurden gegründet und grundlegende Übungsformen (Kata) geschaffen, welche die Bewegungsabläufe eines Kampfes simulieren.

Etwa zweihundert Jahre später wurde Kendo zum wesentlichen Bestandteil der Ausbildung eines Samurai. Zu dieser Zeit vereinigte sich Kendo mit dem Begriff des Bushido (Weg des Kriegers) und neben den Kampftechniken wurde erstmals die Entwicklung der geistigen Aspekte gefördert. Klassische Lehren des Buddhismus und des Konfuzianismus spiegeln sich im Kendo wider. Die Reinheit des Geistes, das Streben nach Vollkommenheit und der Respekt vor dem Leben gehören ebenso dazu wie Loyalität, Gerechtigkeit, Klugheit und Höflichkeit.

In seiner heutigen Form mit sportlichen Regeln wurde Kendo Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt. Die erlaubte Trefferfläche ist begrenzt auf Kopf, Kehle, Brust und Unterarme und zu ihrem Schutz tragen die Kämpfer eine Rüstung, die einer leichten Version der Samurairüstung entspricht.

Geringes Verletzungsrisiko
Diese Rüstung (Bogu) darf ein Kendoka, so die Bezeichnung für einen Kendokämpfer, erst ab einem gewissen Ausbildungsstand tragen, der – je nach Trainingsfleiß – nach sechs Monaten erreicht sein kann. Fortgeschrittene trainieren dagegen immer in ihrer Rüstung.
Ungewöhnlich sieht es schon aus, wenn man einem Kendoka gegenüber steht. Auf dem Kopf sitzt der/die /das Men, d/d/d ähnlich einem Ritterhelm mit einem Gitter aus Stahlstäben den Kopf, die Kehle und durch seine/ihre seitlich angebrachten Flügel auch die Schulterpartien der Athleten schützt. D/D Kote entspricht Handschuhen und bedeckt Hände und Unterarme, d/d Do schont ähnlich einem Brustpanzer die Seiten des Oberkörpers sowie die Brust und d/d Tare schützt als breiter Gurt mit fünf Platten den Bereich unterhalb der Gürtellinie. Dazu tragen die Kämpfer einen Hosenrock (Hakama) und eine Baumwolljacke (Gi).

Das Schwert (Shinai), das sowohl beim Training als auch beim Wettkampf benutzt wird, ist aus Sicherheitsgründen keines mit scharfer Klinge, sondern besteht aus vier elastischen Bambuslatten, die mit Lederteilen verbunden sind. Das Modell für die Herren ist 115 Zentimeter lang und wiegt ein Pfund, Damen und Kinder agieren mit kürzeren und leichteren Schwertern. Durch all diese Sicherheitsvorkehrungen ist Kendo ein Sport mit sehr geringem Verletzungsrisiko und wird von seinen Anhängern bis ins hohe Alter betrieben.
Welchen Stellenwert Kendo in Japan genießt beweist die Tatsache, dass es Bestandteil der Ausbildung in Polizei und Militär ist und dass viele große japanische Konzerne eine eigene Übungshalle (Dojo = Ort des Weges) betreiben. Sony ist nur eines von vielen Beispielen.

Kendo in Deutschland
Doch auch in unseren Breiten besitzt Kendo begeisterte Anhänger. Seit 1967 wird der japanische Schwertkampf in Deutschland betrieben, wobei der erste Verein in Wiesbaden gegründet wurde. Durch ihre traditionell guten Beziehungen nach Japan gelang es den heimischen Kendokas immer wieder, hochgradige Trainer nach Deutschland zu locken und dementsprechend gut ist das Niveau der deutschen Kämpfer. Weltweit führend sind jedoch die Japaner, aber auch die Europäer – besonders Ungarn und Briten – haben hervorragende Kämpfer.

Deutschlandweit sind 3000 bis 4000 Mitglieder in etwa 80 Vereinen organisiert, die Zahl der aktiv Trainierenden liegt bei zirka 1500. Zum Vergleich: Im Mutterland Japan betreiben zwei Millionen Menschen diesen Sport. Doch auch bei den vom 1. bis 7. Juli diesen Jahres stattfindenden Weltmeisterschaften in Glasgow werden die Deutschen mit von der Partie sein.

Wie bei den meisten asiatischen Kampfkünsten gibt es auch im Kendo ein Graduierungssystem, das mit dem sechsten (untersten) Kyu-Grad beginnt und bis zum ersten (höchsten) Kyu-Grad fortläuft. Auf die Kyu-Grade folgen die Dan-Grade, vom ersten (untersten) bis zum achten (höchsten).

Die Wettkämpfe, so auch die am Sonntag, 2. März, stattfindenden Hessischen Meisterschaften in Fulda, finden auf einer zehn mal zehn Meter großen Fläche statt und dauern je nach Teilnehmerzahl bei einem Turnier drei oder fünf Minuten. Sieger eines Kampfes ist, wer zuerst zwei Punkte (Treffer) erreicht; bei einem Unentschieden geht es in die Verlängerung (Enjo), und hier entscheidet der nächste Treffer über Sieg oder Niederlage. Und ist die Entscheidung gefallen, ertönt ein lauter Ruf: „Jamae“ (Beenden).

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