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Kampfsport

Harte Arbeit und weiche Bewegungen Von Joachim Herbert, 22.01.2003

Kung Fu * Story: Körperbeherrschung, Logik und Lebensphilosophie

„Ist der Weg frei, stoße vor“ – das hört sich einfach und logisch an. Ist es auch, und trotzdem steckt dahinter im wahrsten Sinne des Wortes „harte Arbeit“. Denn genau das ist die Bedeutung des Begriffs Kung Fu, dessen Prinzipien genauso einleuchtend sind, wie seine Bewegungsabläufe. Und trotzdem dauert es Jahre, bis man diese ebenso faszinierende wie effektive asiatische Kampfkunst auch nur annähernd beherrscht.

Im Westen ist Kung Fu besonders in den siebziger Jahren durch die gleichnamige TV-Serie und Filme mit dem Kampfsport-Idol Bruce Lee bekannt geworden. Doch hinter der Bezeichnung Kung Fu steckt weit mehr als bloßes Kämpfen. Kung Fu ist eine Kunst, die körperliche Beherrschung im Laufe der Jahrhunderte mit einer Reihe geistiger Disziplinen verknüpfte. So ergeben neben der Selbstverteidigung Einflüsse der Philosophie, Psychologie, chinesischen Medizin, Logik und Meditation die heutige Lehre des Kung Fu.

Außerhalb Asiens werden oft alle Formen der chinesischen Kampfkünste unter dem Begriff Kung Fu zusammen gefasst. Doch dieser Begriff stimmt in keiner Weise mehr mit seiner ursprünglichen Bedeutung überein. Das Wort Kung Fu stammt vom chinesischen Gongfu, und das bedeutet „harte Arbeit“, „intensive Übungen“, „Training“ in irgendeiner körperlichen oder geistig kulturellen Form. Zurecht werden diese Stile deshalb als Kunst und nicht als Sport bezeichnet, denn das Wort Sport (lateinisch: se deportare = sich ergötzen) ist eine Bezeichnung, die das Wesen und den tiefen Inhalt des Kung Fu nicht widerzuspiegeln vermag.

Die geistigen Ursprünge sind in den drei großen Determinanten der chinesischen Philosophie zu suchen: dem Konfuzianismus, dem Daoismus und dem Chan-Buddhismus (auch bekannt unter dem japanischen Namen Zen-Buddhismus). Zu den Kampfkünsten hatte Kung Fu keine direkte Beziehung, es ist vielmehr die künstliche Bezeichnung für das chinesische Boxen. Unter diesem Oberbegriff sind mehr als 400 verschiedene Stilrichtungen zusammen gefasst, eine selbst für Kampfkunstexperten kaum überschaubare Vielzahl.

Jahrtausende alte Geschichte
Nach dem Tai-Chi-Chuan ist das Wing Chun Kung Fu das wahrscheinlich bekannteste chinesische Verteidigungssystem. Es ist eine der von Bruce Lee ausgeübten Formen der Selbstverteidigung und seine Geschichte ist ebenso nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehbar wie die der anderen Stile.

Die Ursprünge der chinesischen Kampfkünste reichen bis in das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück und eine Vielzahl der heute bekannten Stile ist zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert entwickelt worden. Seine Wurzeln hat Kung Fu wahrscheinlich im Shaolin-Kloster in der chinesischen Provinz Henan und damit im gleichen Kloster wie der Zen-Buddhismus. Die hier lebenden Mönche entwickelten einen besonderen Boxstil als Verteidigung gegen angreifende Räuberbanden, wobei die körperliche und geistige Ausbildung Hand in Hand gingen. Denn die Feinde, gegen die man bestehen musste, warteten nicht nur außerhalb des Klosters, sondern lagen auch im Menschen selbst.

Der ideale Kung-Fu-Kämpfer sollte Angst, Leidenschaft und Trägheit besiegen, Geduld und Bescheidenheit üben sowie seine Wünsche und Emotionen unter Kontrolle halten. Kung Fu war vor vielen Jahrhunderten eine Form der geistigen Reinhaltung, eine religiöse Handlungsweise und der Ausdruck einer vollendeten Persönlichkeit. Es war damals und ist heute noch für viele Anhänger ein Lebensweg.

Wing Chun in Fulda bei Sifu Krack
Seit zwei Jahren besteht in Fulda die Möglichkeit, sich in einem äußerst effektiven Stil des Kung Fu ausbilden zu lassen, und zwar im Wing Chun Kung Fu. Der Unterricht wird angeboten von Sifu (väterlicher Lehrer) Thomas Krack. Er ist 39 Jahre alt, betreibt seit 28 Jahren Kampfkunst und seit 22 Jahren Kung Fu, wobei es ihm möglich war, Kenntnisse in fünf Varianten des Wing Chun Stils zu sammeln. Sein Interesse führte ihn zu vielen Stilen und Könnern in den Bereichen der japanischen Kampfkünste: Judo, Karate, Ju-Jutsu, koreanischen Tae Kwon Do, philippinisches Arnis und Escrima, chinesisches Hung-Gar, Choy Lee Fut und Tai Chi Chuan, thailändisches Krabi Krabong und Muay Thai, Kick- und Amateur-Boxen.

Auf wenigen Quadratmetern Trainingsfläche zeigt Sifu Thomas Krack, dass Verzicht auf luxuriöse Ausstattung nicht Verzicht auf Qualität bedeutet. Er bietet von montags bis freitags Unterricht an, der von zahlreichen Interessenten wahrgenommen wird. Eine Expandierung lehnt er ab. Denn bei vier Schülern, die gleichzeitig unterrichtet werden, widmet der Lehrer jedem 25 Prozent der Unterrichtszeit, bei doppelter Schülerzahl halbiert sich die Zeit der Aufmerksamkeit, die dem Einzelnen zu Gute kommt usw.

Sport für zielorientierte Menschen
Wenn wir jemanden sehen, der etwas brillant beherrscht, entsteht beim Betrachter häufig der Wunsch, dies genauso gut zu können. Als Boris Becker und Steffi Graf erfolgreich waren, entfachte dies einen Tennisboom. Neue Hallen wurden gebaut und Nachwuchssorgen gab es nicht. Wie wünschenswert solche Trends auch sein mögen, die Realität holt uns immer wieder ein. Jeder Aktive stellt nach einigen Monaten oder Jahren fest, dass mehr dazu gehört als nur das Strohfeuer der anfänglichen Begeisterung, um erfolgreich zu sein. Man möchte gar nicht wissen, wie viele Tennisschläger, Baseballschläger oder Inlineskates ungenutzt in Kellern verstauben.

Das Wing Chun möchte keinen Trend kreieren, sondern intelligente, zielorientierte Menschen ansprechen, die Interesse an traditionellem Kung Fu haben. Die Schüler erlernen Körperbeherrschung, Kontrolle einer Situation und letztlich eines Angreifers im Falle einer Notwehr. Erreicht wird dies durch spezielle Übungen, die dem Ausführenden Stabilität, Mobilität und Flexibilität geben – und das nicht nur im physischen Sinne. Durch das innewohnende Denksystem, welches den Prinzipien und Theorien des Wing Chun folgt, erhalten wir Aufschlüsse über Strategie, Planung und Analyse in jedem nur denkbaren Bereich. Dies hilft uns, uns als Individuum durchzusetzen oder gegen Attacken zu schützen, die unsere physische oder psychische Gesundheit bedrohen.

Anfänger auf ein höheres Niveau heben
Um aber diese Fähigkeiten auf entsprechend hohem Niveau zu halten, üben nicht nur alle Schüler miteinander, sondern die Lehrer des Wing Chun trainieren kontinuierlich miteinander und mit ihrem Sifu. Und das ein Leben lang und nicht, weil einer dem anderen beweisen muss, dass er besser ist. Im Wing Chun gibt es kein Konkurrenzdenken untereinander. Das Bestreben des Fortgeschrittenen muss es sein, den Anfänger auf sein Niveau zu bringen, damit es überhaupt Sinn macht, miteinander zu üben.

Man stelle sich einen Großvater vor, der seinem Enkel Schach beibringen möchte. Beide sitzen einander gegenüber. Der unerfahrene Enkel begeht einen Fehler. Wie wird sich der Opa verhalten? a) Er nimmt den Spazierstock und verprügelt den Jungen oder b) Er unterbricht das Spiel, spricht ruhig und gelassen auf das Kind ein und bringt es so dazu, die Situation noch einmal zu überdenken und den Zug zu korrigieren.
Warum möchte der Großvater dem Enkel Schach beibringen? Sicher nicht, um einen offensichtlich schwächeren Gegner regelmäßig zu deklassieren. Sondern, weil er für sich einen Genuss im Spiel gefunden hat, den er mit dem Enkel teilen möchte. Und je besser dieser wird, umso erfreuter ist der alte Herr. Aus diesem Grund unterrichtet Sifu Thomas Krack und teilt sein Können mit seinen Schülern.

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