Mischmasch
Hochzeit auf brasilianisch Von Joachim Herbert, 29.07.2001Filmreife Kulisse auf einem Felsen am Meer / Trauung unter freiem Himmel
Es gibt Feiern, die wird man sein ganzes Leben lang in Erinnerung behalten. Besonders dann, wenn einer der besten Freunde heiratet. Und heiratet er dazu noch in Brasilien, auf einem Felsen am Meer, umgeben von palmenbewaldeten Berghängen, bleibt dieses Erlebnis unvergessen.
Doch wie kommt Detlef aus dem gemeinhin doch kühlen Hessen dazu, im sonnenüberfluteten Brasilien den Bund für’s Leben zu schließen? Und dazu noch mit einer schnuckeligen Einheimischen? Nun, der Job war schuld. Denn für einen großen Automobilkonzern ging Detlef Kaufhold drei Jahre nach Brasilien und lernte dort die Frau seines Lebens kennen. Und wie könnte es anders sein in diesen Gefilden, getroffen haben sich die Beiden beim Samba tanzen im „Club Avenida“ in Sao Paulo. Dort hat es gefunkt und zwischen dem ersten Treffen und dem Hochzeitstermin liegen nicht nur drei Jahre, sondern auch die Geburt der kleinen Lorena. Und nicht nur für sie war diese Hochzeit ein tolles Erlebnis.
Es ist früher morgen, als wir in Sao Paulo starten. Zwei Busse, jeder mit acht Personen gefüllt, und ein Korso Privatautos bewegen sich stadtauswärts. Die Küste im Norden des Staates Sao Paulo ist das Ziel, etwa 100 Kilometer und zwei Stunden Fahrt entfernt. Wir überqueren grüne Hügel und die mehr oder weniger gut ausgebaute Straße führt uns vorbei an kleinen Dörfern, durch touristenbevölkerte Urlaubsorte und Favelas, die brasilianischen Slums. Doch etwas unglaubliches haben die Brasilianer in ihre wunderschöne Natur gepflanzt. In der Nähe von Santos, lange Zeit die Heimat des Nationalhelden und Fußballgottes Pelé, ragt ein Atomkraftwerk aus der ansonsten grünen Landschaft. Praktisch angelegt, denn die Häuser für die Mitarbeiter stehen gleich nebenan.
“Punta Roccas” als Hochzeitskulisse
Doch selbst solche „Aussetzer“ können die Schönheit der Landschaft nur am Rande beeinflussen. Wirklich umwerfend wird es jedoch, als die Hochzeitsgesellschaft ihr Ziel erreicht. „Punta Roccas“ heißt das einsam gelegene Restaurant am Meer und die Kulisse ist wie geschaffen für den schönsten Tag im Leben. 124 Steinstufen führen von der Straße hinab zu einem großen, komplett verglasten Raum mit Blick auf das Meer. Der Außenbereich mit einer großen und einer kleinen Terrassen liegt auf einem Felsen oberhalb des Wassers und wenige Meter weiter unten donnern die Wellen gegen die Klippen. Umgeben ist dieses traumhafte Fleckchen Erde von Hängen, an denen die Palmen dicht an dicht stehen und im Halbkreis einen grünen Vorhang bilden. Gibt es einen schöneren Ort, um den gemeinsamen Lebensweg zu beginnen?
Doch vor den romantischen Gefühlen steht die profane Aufgabe des Organisierens. Der Bräutigam kümmert sich um alles, denn dieses Restaurant ist zwar wunderschön, aber für Veranstaltungen solcher Größe nicht entsprechend ausgestattet. Somit müssen Geschirr, Bestecke und auch das Essen mitgebracht werden. Die Hochzeitsgäste verdienen sich die folgenden schönen Stunden also zunächst mit Geschirrtragen – 124 Steinstufen hinunter. Doch das nehmen alle gern in Kauf, denn die Teilnahme an so einer Hochzeit bleibt für viele wahrscheinlich ein einmaliges Erlebnis. Besonders natürlich für Braut und Bräutigam - bleibt zumindest zu hoffen.
“One” beschwört die eine Liebe
Als auch die Musiker fertig sind und die Anlage funktioniert, steigt die Nervosität, denn die eigentliche Zeremonie rückt näher. Auf der kleinen Terrasse ist bereits ein Altar aufgebaut, neben dem der Priester wartet. Die Trauzeugen nehmen im Restaurant Aufstellung und schreiten von hier die Stufen in Richtung Altar hinunter. Im Gegensatz zum Gewohnten begleitet hier keine getragene Musik die Feiernden, sondern „One“ der irischen Band U2 liegt in der Luft und beschwör die eine wahre Liebe.
Der Bräutigam geht mit seiner Mutter vorweg und wartet neben dem Altar, die Trauzeugen folgen, dahinter kommen die Blumenkinder. Alles wartet gespannt auf die Braut. Und als diese erscheint, bietet sich den über 100 Gästen eines der schönsten Bilder der gesamten Hochzeit, das nicht nur beim Bräutigam einige Tränen fließen läßt. Denn auf den Stufen oberhalb der kleinen Terrasse steht Noemi im weißen Brautkleid, auf dem Arm die gemeinsame, drei Monate alte Tochter Lorena, ebenfalls im weißen Kleidchen. Ein Bild wie gemalt.
Die Zeremonie hat etwas filmreifes. Mit Mikrofon steht der Priester auf diesem Felsen am Meer und traut das Hochzeitspaar. Umgeben von Verwandten, den besten Freunden, Nachbarn und einem strahlend blauen Himmel. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, kommt direkt nach der Trauung der zuvor bestellt Hubschrauber und wirft Rosenblätter über den Feiernden ab. Geradezu perfekt.
Nach dem offiziellen Teil und einer Vielzahl von Glückwünschen und Hochzeitsfotos beginnt der legere Abschnitt und damit die Party. Ein riesiges Buffet verwöhnt den deutschen Gaumen mit südamerikanischen Köstlichkeiten. Neben Mangos, Papayas, Melonen, Kakis und anderem frischen Obst gibt es brasilianische Spezialitäten zu essen. Und auch die Getränke sind exotisch und hochprozentig. Allen voran die Caipirinha, die von allen Gästen bevorzugt an der Theke der Bambushütte genossen wird, die auf der großen Terrasse platziert ist. Nach einigen dieser zweifellos leckeren, aber auch „gefährlichen“ Cocktails fällt die Konversation leichter. Mit Englisch oder Spanisch kommt man hier nicht weit, aber schließlich hat der Mensch ja Hände und Wörterbücher, um sich zu verständigen. Und die sind auch nötig, wenn man des Portugiesischen nicht mächtig ist, denn schließlich besteht diese Hochzeitsgesellschaft nicht nur aus internationalen Gästen, sondern hauptsächlich aus Brasilianern.
Internationale Gäste
Neben dem deutschen Bräutigam und seiner einheimischen Braut kamen die Gäste aus der ganzen Welt. Markus aus Hong Kong saß 25 Stunden im Flugzeug und scheute die weite Reise ebenso wenig wie Jens aus Dänemark, der mit seiner norwegischen Frau den langen Weg nach Brasilien auf sich nahm. Und die Deutschen waren durch Giacomo, Michael, Heiko und Bobbel vertreten.
Doch schließlich fanden sich in den in Brasilien arbeitenden Deutschen doch einige Dolmetscher, die auch interessante Details und Eigenheiten des Landes zu berichten wußten. So kommt der knackige verlängerte Rücken der dunkelhäutigen Schönheit im hautengen blauen Kleid vor uns nicht von ungefähr, wie der Bräutigam über die Cousine der Braut zu berichten weiß. Denn zur Zeit ist es im Land der Sambatänzer und Popowackler durchaus in, sich Silikonimplantate nicht nur in die Brust, sondern auch in den Allerwertesten einsetzen zu lassen. Daher also die tollen Formen.
Und die kommen auf der Tanzfläche so richtig zur Geltung. Denn dass die Brasilianer Rhythmus im Blut haben, beweisen sie auch diesmal. Von Samba über Axé bis hin zu Forró erklingen diverse Tänze, bei denen natürlich auch die Kinder nicht still sitzen können. Das Hüftkreisen wird hier schon früh geübt und manchem scheint es in die Wiege gelegt worden zu sein.
124 Steinstufen warten
Besonders der jungen Brasilianerin, die von der Musik nicht genug zu bekommen scheint. Doch selbst der Bräutigam weiß nicht, wer sie ist. Das ist aber nichts ungewöhnliches, sagt er. Denn wenn hier eine Hochzeit gefeiert wird, dann kommen auch die Nachbarn, egal ob eingeladen oder nicht. Und dies scheint wohl eine ehemalige Nachbarin der Braut zu sein, die selbst die zwei Stunden Autofahrt auf sich genommen hat, um mit zu feiern. Etwas ungewöhnlich, aber wenn sogar der für die Hochzeitsfotos engagierte professionelle Fotograf seine Familie zum Essen mitbringt, wundert den zunächst erstaunten Deutschen nichts mehr.
Leider wird die bis dahin perfekte Feier bereits am frühen Abend beendet. Das Lokal wird abend zu einer Disco umdekoriert und da müssen die Hochzeitsgäste weichen, ob sie nun wollen oder nicht. Samt Geschirr und Besteck. Das heißt noch einmal Arbeit, wieder Kisten schleppen, nur diesmal den umgekehrten Weg – 124 Steinstufen hinauf. Und das nach einer nicht genau nachzuvollziehenden Menge Caipirinha. Die schönen Stunden sind wirklich hart verdient.
Und auch die Rückfahrt hat es in sich. Denn im Bus befinden sich nicht nur acht müde Menschen, sondern zusätzlich über 100 Teller, Bestecke und Schüsseln, die nach jedem Erdloch scheppern. Dadurch wird die Heimfahrt genauso unvergesslich wie der ganze Tag. Ein besonderer Tag eben, wenn einer der besten Freunde heiratet.
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