Fußball
Money matters – Geld bestimmt den Erfolg Von Joachim Herbert, 26.07.2001Fußball * Story: Vereine haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen
Der Trend im heimischen Fußball ist unverkennbar. Die Zahl der Spielgemeinschaften nimmt zu, die Zuschauer werden weniger und immer mehr Vereine müssen sich Gedanken um ihre Finanzen machen. Seniorenmannschaften gehen freiwillig in niedere Klassen oder werden gar vollständig vom Spielbetrieb zurückgezogen. Und der interessierte Beobachter fragt sich: Was passiert hier eigentlich?
Die Antwort auf diese Frage umfasst viele Facetten, angefangen von bequemen Nachwuchsfußballern und deren häufig fehlender Motivation bis hin zu abgezockten Spielern, die sich in Söldnermanier dem Verein anschließen, der am meisten bezahlt.
Dass bei dieser Praxis besonders die kleineren Klubs nicht mithalten können, liegt auf der Hand. Und so ist es kein Wunder, wenn der ein oder andere Sportverein vor dieser Saison seine Seniorenmannschaft zurückziehen musste. Betroffen waren die SG Thaiden/Wüstensachsen aus der B-Liga Fulda Ost und der SV Dietershan, der in der A-Liga Fulda/Hünfeld nicht mehr an den Start geht.
Bequeme Jugend
In beiden Fällen gab der Mangel an Spielern den Ausschlag für den Rückzug, wobei die ehemaligen Dietershaner Spieler zumeist mit besseren finanziellen Angeboten zu anderen Vereinen gelockt wurden. Dietershans erster Vorsitzender Wilfried Motzkus. „Wahrscheinlich wird bei anderen Vereinen mehr gezahlt, denn es sind nur zwei Akteure zu einem höherklassigen Klub gewechselt, die anderen Spieler sind zu A-Liga- und B-Liga-Vereinen gegangen.“
Ähnlich wie in Dietershan hatte auch die SG Thaiden/Wüstensachsen zu wenig Spieler, um in der kommenden Saison eine Mannschaft zu stellen. Dass jedoch eine Spielgemeinschaft aus zwei Vereinen kein konkurrenzfähiges Team aufbieten kann, drückt die ganze Misere gerade bei den kleineren Rhöner Vereinen aus. Thaidens erster Vorsitzender Josef Henkel sieht das Problem im fehlenden Nachwuchs: „Wir haben bereits im Januar beschlossen, uns aus dieser Spielgemeinschaft zurückzuziehen, weil sich abzeichnete, dass wir nur noch sechs Spieler hatten, von denen vier um die vierzig Jahre alt sind. Und in Thaiden ist die Situation ähnlich wie bei unseren Nachbarvereinen, uns fehlt der Nachwuchs. Es wird immer schwieriger, die Jugendlichen zu begeistern, denn ab einem gewissen Alter werden die Disco, das Feiern und der Alkohol wichtiger als der Fußball.“ Und mit zunehmendem Alter läßt auch der Trainingseifer nach. „Dann gehen die jungen Leute lieber zur Feuerwehr, da gibt es Essen und Getränke umsonst und man muss nicht so oft trainieren“, sagt Josef Henkel.
Dieser Mangel an Nachwuchsspielern bringt die Vereine unter Zugzwang. Der Spielbetrieb soll aufrecht erhalten werden, aber aus dem eigenen Jugendbereich rücken nicht genügend Talente nach. Thaiden beispielsweise hat zur Zeit nur einen A-Jugendlichen. Also muss der Klub diesen Mangel mit auswärtigen Spielern überbrücken. Und die kosten Geld oder wollen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz vermittelt bekommen. Wenn mancher orten auch nicht direkt im Sinne von finanziellen Zuwendungen an die Spieler investiert wird , dann doch indirekt durch Feiern, Fahrten und sonstige Veranstaltungen, um die Spieler bei Laune zu halten und die Kameradschaft zu pflegen.
Nur Bares ist Wahres?
Doch mit Kameradschaft allein ist es auch nicht getan, schließlich gilt für viele Fußballer die alte Weisheit „Nur Bares ist Wahres“. Diese schmerzliche Erfahrung machten auch die beiden Ex-Landesligisten Germania Fulda und TSV Neuenberg. Nachdem für die Germanen in sportlich besseren Zeiten so viele namhafte Spieler aufliefen, dass sich daraus zwei Landesliga-Spitzenmannschaften zusammenstellen ließen, haben die Fuldaer bereits vor einigen Jahren den großen Geldhahn für die Fußballer zugedreht und backen seit dem kleinere Brötchen.
Sportlich spielt man nach langen Jahren in der Landesliga Nord erstmals wieder „nur“ noch Bezirksoberliga, doch finanziell fährt das Schiff Germania in ruhigeren Gewässern. Das ist laut Germanias erstem Vorsitzenden Eberhard Strott auch das vorrangige Ziel: „Wir wollen den Verein gesunden, aber dabei trotzdem sportlich vorankommen. Finanziell haben wir ein ganz klares Konzept. Wir sagen den Spielern, was bei uns möglich ist und es sind zum Glück nicht alle aufs Geld aus.“
Auch bei Germania wird versucht, den Gemeinschaftssinn zu fördern und der Verein geht weg vom Geld und hin zur Jugendförderung, die bei Germania schon in früheren Jahren großes Gewicht hatte. „Von der A-Jugend bis zur E-Jugend können wir in dieser Saison ohne Spielgemeinschaft eine Mannschaft stellen“, so Strott. Und finanziert wird der Verein nicht mehr durch einen Großsponsor, durch den sich so mancher Klub in finanzielle Abhängigkeit begeben hat, sondern durch den Förderkreis, die Gewinne aus dem Vereinslokal, Mitgliedsbeiträge, Werbeeinnahmen, Spenden und durch eine solide Planung der vorhandenen Gelder.
Während bei Germania Fulda nach der Veränderung des finanziellen Gebarens der sportliche Rückschritt langsam von statten ging, vollzog sich dieser beim Nachbarn TSV Neuenberg wesentlich schneller. Vergangene Saison noch Landesligist, wollte der TSV in der bevorstehenden Saison freiwillig zwei Klassen niedriger in der Bezirksliga Süd spielen, hat jedoch inzwischen seine Mannschaft komplett vom Spielbetrieb zurückgezogen. Nachdem der Hauptsponsor sich nicht mehr wie in den vergangenen Jahren engagieren wollte, kehrte die komplette Landesligamannschaft dem TSV den Rücken. Dazu Neuenbergs Schriftführer Andreas Hoffmann, der zu Landesligazeiten das Amt des ersten Vorsitzenden inne hatte: „In der Landesliga Fußball zu spielen ist teuer, da ist man auf Sponsoren angewiesen. Und als dieser seinen finanziellen Einsatz zurückfahren wollte, hätten wir die Landesliga in der Form nicht mehr finanzieren können. Außerdem wollten wir es uns ersparen, mit der neuen Mannschaft in der Bezirksoberliga Kanonenfutter zu sein. Der Rückzug unserer Mannschaft ist mit Sicherheit keine Katastrophe, sondern erfolgte aus der Vernunft heraus. Man muss wissen, wann man handeln muss, und im Interesse des Vereins blieb uns nichts anderes übrig.“
Fahrstuhlmannschaften auf dem Weg nach unten
Neuenberg und Germania Fulda sind nur zwei von vielen Vereinen, deren finanzielle Belastungen zu hoch wurden und die dieses Niveau nicht mehr halten konnten oder wollten. Paradebeispiele in negativer Hinsicht sind sicherlich der FV Steinau und die SG Bad Soden. Bei Mannschaften sind Ex-Oberligisten, Steinau ist mit seiner zusammengekauften Truppe zunächst Jahr für Jahr aufgestiegen, um seit drei Jahren regelmäßig wieder abzusteigen. Ähnlich geht es der SG Bad Soden, die ebenfalls in den letzten beiden Jahren nach unten durchgereicht wurde. Der Erfolg ist auf Dauer also nicht käuflich, zumindest nicht im Amateurfußball. Denn hier folgt nach dem schnellen Aufstieg genauso schnell der Fall, und das meist äußerst hart.
Doch die Vereine stecken in einer Zwickmühle. Aus Zuschauereinnahmen, sowie dem Verkauf von Essen und Getränken kann eine Fußballabteilung gerade einmal die laufenden Kosten decken und vielleicht noch den Schiedsrichter bezahlen. Doch es entsteht eine Vielzahl weiterer Aufwendungen für Jugendtrainer, Ausrüstung, Bälle, Trainingsanzüge, Platz abstreuen, Steuern und vieles mehr. Und besonders die Spieler treten heute nur noch äußerst selten für den sprichwörtlichen Appel und das dazugehörige Ei gegen den Ball. Diesen gestiegenen Kosten stehen die schwindenden Zuschauerzahlen gegenüber und damit weniger Einnahmen. Denn gerade an Hand der Besucherzahlen läßt sich ersehen, dass der Fußball im Freizeitverhalten der Menschen nicht mehr den Stellenwert hat, wie noch vor zehn Jahren.
Und dann gilt es für die kleinen Vereine mit den Klubs mitzuhalten, die einen finanzkräftigen Geldgeber hinter sich wissen. Eine schwierige Aufgabe, die immer mehr Vereine mit der Bildung von Spielgemeinschaften zu lösen versuchen. Im Jugendbereich ist diese Form der Fusion schon seit langem an der Tagesordnung, und auch in unteren Klassen gab es den ein oder anderen Zusammenschluß zweier Seniorenteams, doch seit vergangener Saison hat diese Praxis auch in der höchsten Klasse des Bezirks Fulda Einzug gehalten. Damals schlossen sich Bezirksoberligist SC Lanzenhain und Herbstein zur FSG Vogelsberg zusammen, in dieser Saison nimmt die FSG Wartenberg als Nachfolger der SG Landenhausen am Spielbetrieb teil, die mit dem TV Angersbach fusionierte.
Den Grund für die Bildung einer Spielgemeinschaft liefert Udo Roith, erster Vorsitzender der FSG Wartenberg: „Für uns gibt es zwei Gründe. Im Jugendbereich gibt es diese Spielgemeinschaft zwischen Landenhausen und Angersbach bereits seit Anfang der achtziger Jahre und wir hatten das für den Seniorenbereich ebenfalls ins Auge gefasst. Und zum zweiten gehen uns langsam die Spieler aus.“ Denn jeder Verein der Bezirksoberliga muss neben seiner ersten Mannschaft noch eine zweite oder zumindest ein Juniorenteam stellen. Und da wird es für einige Klubs schon schwierig. „In Landenhausen ist seit zwei Jahren aus der Jugend niemand mehr heraus gekommen, aber eine Reserve müssen wir stellen“, so Udo Roith. Und auch in seinemVerein ist es nicht anders, als in vielen anderen. „Die A-Jugendlichen finden eine andere Freizeitbeschäftigung, wenn sie nicht gerade Leistungsträger sind und später höherklassig spielen wollen“, sagt Roith.
Spieler gehen den leichten Weg
Doch von dieser Sorte gibt es nicht viele. Davon weiß auch Fliedens Trainer Stephan Walter ein trauriges Lied zu singen, denn er und sein Verein handelten sich im Vorfeld der neuen Saison jede Menge Absagen von jungen talentierten Spielern ein, die den Weg in die Oberliga scheuten. „Ich hatte dieses Jahr den Eindruck, dass viele junge Fußballer den leichten und besser bezahlten Weg gehen“, sagt Stephan Walter, der damit die gleichen negativen Erfahrungen sammelte wie die Verantwortlichen der niederklassigen Klubs. Nicht einmal die Aussicht, in der Oberliga spielen zu können, lockte junge Spieler nach Flieden. Stephan Walter: „Es gibt zwar wenige löbliche Ausnahmen, aber das Gros der jungen Fußballer sagt “nein“ zu dieser Herausforderung. Dem einen ist die Anfahrt zum Training zu weit, der andere befürchtet, nicht gleich den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen.“ Doch wann haben die Fußballer des Bezirks Fulda schon einmal die Möglichkeit, in der höchsten hessischen Amateurklasse zu spielen? In den letzten zehn Jahren waren außer Borussia Fulda lediglich Petersberg und Flieden ein Jahr in der Oberliga vertreten, der SVA Bad Hersfeld zwei Jahre.
Doch wiegt der Reiz des Geldes schwerer als der sportliche Erfolg, da sind sich die Verantwortlichen einig. Ralf Lischwewski, Trainer der Petersberger Landesligafußballer: „Das Problem liegt bei den kleinen Vereinen, die mit großen Summen umher werfen. Wir haben im Vorfeld der Saison Gespräche mit Spielern geführt, die wollten ihren Lebensunterhalt mit Landesligafußball finanzieren. Wir machen diesen finanziellen Wahnsinn nicht mehr mit und setzen auf die Jugendarbeit und auf Spieler aus unteren Klassen, die sportlich weiterkommen wollen.“
Doch diesbezüglich werden auf die Vereine in den kommenden Jahren einige Schwierigkeiten zukommen. Denn die Freizeitangebote werden immer größer und somit werden den Vereinen weniger Spieler zur Verfügung stehen. Dies wirkt sich nicht nur die Zusammenstellung von Mannschaften aus, auch im Trainerbereich offenbart sich zunehmend ein Fehlen adäquater Übungsleiter. Die Trainer der heimischen Landesligamannschaften sind häufig die gleichen, Stephan Walter etwa war bereits bei fünf Landesligisten tätig.
Positives Beispiel SG Reulbach
Doch gibt es nicht nur negative Beispiele. Die SG Reulbach kehrt nach fünf Jahren Pause wieder in den Spielbetrieb der Seniorenmannschaften zurück und hat laut Abteilungsleiter Ewald Menz „eine rosige Zukunft“ vor sich. „Wir haben in den letzten Jahren nur auf die Jugend gebaut, angefangen mit einer E-Jugend, die zusammen groß geworden ist bis hin zur A-Jugend und aus der jetzt schon drei Spieler in der ersten Mannschaft spielen“, sagt Ewald Menz. Einen neuen Sportplatz hat man in Reulbach gebaut und auch bei der SG sind die Aktivitäten außerhalb des Sportplatzes das Geheimrezept, um die Fußballer zusammen zu schweißen. Zeltlager, Fahrten nach Tschechien oder Teilnahme am Adidas-Cup stehen auf dem Programm und sorgen dafür, dass die Jugendlichen dem Verein treu bleiben. Hier trägt das Konzept der Jugendförderung erste Früchte und wird den Reulbachern in Zukunft sicherlich noch jede Menge Spaß bereiten.
KOMMENTAR
Es ist nicht zu übersehen – der Fußball in Deutschland nimmt eine Entwicklung, die sich vor einem Jahrzehnt in diesem Ausmaß wohl niemand vorstellen konnte. Angefangen von der Nationalmannschaft, die im internationalen Vergleich nur noch besseren Durchschnitt darstellt, bis zu manchen Bundesligavereinen, in denen mehr ausländische als deutsche Fußballer gegen den Ball treten. Bei den Profis fehlt es also an talentiertem Nachwuchs, und dieser kommt schon seit jeher aus den kleinen Vereinen, die immer mehr Probleme bekommen, diesen bei der Stange zu halten. Die Alternativen zur Freizeitbeschäftigung Fußball nehmen zu und schließlich ist es ja bedeutend bequemer, im sauberen wohlklimatisierten Sportstudio seinen körperlichen Aktivitäten nachzugehen, als bei Wind und Wetter, Eis und Kälte auf dem matschigen Sportplatz der Lederkugel nachzujagen.
Zwar gibt es wenige Ausnahmen, die für ihrem Sport Fußball immer noch alles andere stehen und liegen lassen, doch der Trend geht hin zur Spaßgesellschaft, deren Hauptaugenmerk sich nun einmal nicht mehr auf Fußball richtet. Der Stellenwert ist nicht mehr der gleiche wie früher, doch liegt es nun an den Verantwortlichen, den Fußball wieder attraktiv für die Jugendlichen zu machen und sie auch über das Teenageralter hinaus für diesen Sport zu begeistern. Denn die Kinder und Jugendlichen im Alter von 5 bis 16 Jahren sind stark vertreten, doch mit dem Erwachsenwerden lässt das Interesse am Fußball nach. Die Vereine bekommen Nachwuchsprobleme und müssen den Aktiven wieder einen Anreiz bieten, dem Verein oder zumindest dem Sport die Treue zu halten. Und das geht bei vielen Klubs nicht über das Geld, sondern man engagiert sich außerhalb des Sportplatzes und nimmt seine soziale Aufgabe wahr. Es wird zwar auch in Zukunft noch genug verrückte Sponsoren geben, die ihr halbes Vermögen in einen Fußballverein stecken und es wird genügend Opfer geben, die das zulassen. Wie einige Beispiele aus dem heimischen Bereich zeigen, führt dies jedoch mittelfristig in eine finanzielle Zwangslage, welche die Vereine zum Umdenken zwingt.
Also sollte man sich im Amateurfußball wieder dem Zusammengehörigkeitsgefühl und dem soliden sportlichen Erfolg widmen. Traditionelle, scheinbar angestaubte Werte, die deshalb jedoch nicht schlecht sein müssen. Denn der Trend wird sich fortsetzen, es werden weniger Nachwuchsfußballer zur Verfügung stehen und ob man auf Dauer die Vereine der oberen Klassen in die Pflicht nehmen kann, eine zweite Mannschaft zu stellen, ist äußerst fraglich. Bereits in der vergangenen Saison war die Reserverunde der Bezirksoberliga eine Farce. Auch hier wird sicherlich von Funktionärsseite über eine Änderung nachgedacht werden müssen. Schließlich wird die Anzahl von Spielgemeinschaften immer größer, um noch genügend Aktive stellen zu können.
Doch sollte man die Zukunft des Fußballs nicht zu sehr im Dunkeln sehen. Es wird auch in den nächsten Jahren jede Menge Jugendliche geben, die für ihr Leben gerne Fußball spielen und wie das Beispiel der SG Reulbach zeigt, kehren auch verlorene Söhne wieder zurück
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