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Mischmasch

Mister Hyde auf dem Käse-Laster Von Joachim Herbert, 28.01.1998

Hamburger Fischmarkt tingelt durch Deutschland / Traum vom großen Geld

“Hallo ihr zwei Hübschen! Kommt doch mal rüber. Ich sehe es euch an: Ihr wollt unbedingt eine Tüte Fisch mit nach Hause nehmen” ruft Aal-Peter mit lauter Stimme. Die zwei älteren Damen schauen sich an, verwundert ob solch eines Kompliments quer über den gesamten Rathausplatz. “Meint er etwa uns?”. Aal-Peter läßt nicht locker und hält eine Riesentüte hoch, prallgefüllt mit Fisch. Und auch diesmal gelingt es ihm wieder: Die “zwei Hübschen ” kommen zu seinem Stand und lassen sich jede Menge glitschige Tierchen einpacken. „Das alles für 20 Euro. So billig bekommst du das Zeug in keinem Laden. Und gib’  deinem Alten was ab” bekommen sie im Weggehen zu hören.

Sprüche sind Trumpf, und zwar von Marktbeginn bis Marktende; denn eins dürfen die Marktschreier nicht sein - auf den Mund gefallen. Deshalb geht es ab und an etwas rustikal zu, wenn der Fischmarkt seinen Stammsitz Hamburg verläßt und durch Deutschland tingelt. Doch das Publikum erwartet es nicht anders - Show für die Massen. Diese Massen lassen sich in Einzelfällen begeistert mitreißen, weiß Käse-Maik zu berichten: “Es macht Spaß zu sehen, wie weit ich manche Leute bringen kann. Männer lassen auf meinem LKW die Hose fallen und Frauen ziehen den BH aus der Bluse, damit ich ihn mit Käse füllen kann. Sobald einer den Vorreiter spielt, ist das Eis gebrochen. Dann verlieren die anderen ihre Scheu und ziehen nach.”

Zum Entertainer geboren?
Marktschreier sind zum Entertainer geboren, sollte man meinen. Trotzdem kommen die meisten über Umwege zu diesem ungewöhnlichen Beruf. Beispiel gefällig? Stefan Loose stammt aus Braunschweig und schloß eine Lehre als Außenhandelskaufmann auf dem Hamburger Großmarkt ab. Danach kaufte er einen LKW und Ware von einem „alteingesessenen“ Marktschreier. Das war vor drei Jahren. Heute ist der 24-Jährige mit seinem Obst-Laster gut im Geschäft und als „Bananen-Rudi“ jedes Wochenende auf Tour.

Reich werden in diesem Job jedoch die wenigsten. “Ich verfluche noch heute den Tag, an dem ich den Beruf ergriffen habe”, meint Käse-Maik, der die Hass-Liebe zum Marktschreien nicht verbergen kann. Der hagere Mann ist seit acht Jahren dabei und war zuvor Auto-Verkäufer. “Damals habe ich einen Wagen an einen Marktschreier verkauft und mir am nächsten Tag seine „Show“ angesehen. Die Tüten mit Ware gingen weg wie warme Semmeln und ich dachte: Das machst du ein paar Jahre, dann bist du Millionär.” Zwei Monate war Maik noch Auto-Verkäufer, dann holte er sich einen LKW und machte sich auf den Weg zum „großen Geld“.

Doktor Jekyll und Mister Hyde
Damit es ihm bei seiner „Mission Millionär“ nicht zu langweilig wird, beschäftigt sich Maik in seiner Freizeit mit Musik und Literatur. Denn am Abend wird der Marktschreier zu einem anderen Menschen. Doktor Jekyll und Mister Hyde? Wohl nicht ganz, aber ein bißchen Mister Hyde steckt in jedem der Männer. Denn dass die Leute abends am Tresen immer noch eine Show erwarten, ist nicht jedes Marktschreiers Sache. Schließlich will auch ein Fischmarkt-Entertainer einmal in Ruhe sein Bierchen trinken. Kommen Bananen-Rudi und die Anderen abends ins Hotel, wird der Job mit der Kleidung abgestreift. „Ich will in meiner Freizeit nicht noch nach Fisch riechen“ sagt „Aal-Peter“ Jens Wagner. „Ein vernünftiges Hotel mit Dusche gönnen sich die meisten Kollegen.“

Der Kollege und Partner, mit dem Jens durch die Lande zieht, bucht für das Unternehmen „Aal-Peter“ die Märkte und kauft Ware ein. Denn alles Bürokratische liegt Jens nicht. Er ist der bessere Verkäufer und hat in Glanzzeiten auf dem Hamburger Fischmarkt innerhalb von 5 Stunden 7,5 Zentner Aal verkauft. Das war in den 80erJahren, als Jens mit seinem LKW noch auf dieser „Urmutter“ aller Fischmärkte anzutreffen war. Über sieben Zentner Aal in fünf Stunden - Zahlen, von denen der gebürtige Hamburger außerhalb der Hansestadt nur träumen kann.
Deshalb schwärmt er noch heute davon. Ein Stand auf dem Hamburger Fischmarkt - das wär´s, ist aber leider nicht zu bezahlen. Damit wäre die Rente für den Marktschreier gesichert. So aber muss sich Aal-Peter jedes Wochenende auf’s Neue beweisen und auch außerhalb der norddeutschen Metropole seine Ware an den Mann bringen.

Das ging vor einigen Jahren noch besser als heute. Denn auch auf dem Fischmarkt sitzt das Geld dem Kunden nicht mehr so locker wie früher. Diese Erfahrung machen alle Marktschreier und das veranlasst Bananen-Rudi, Aal-Peter oder Blumen-Jan schon mal dazu, die Ware zum Einkaufspreis oder sogar darunter zu verkaufen. Schließlich werden weder Obst noch Blumen im Laufe eines Wochenendes besser. Und auch Peters geräucherter Aal schmeckt frisch am besten.

“30 Cent das Stück!”
Der Niederländer Blumen-Jan hat extra einen Laster mit Heizung für seine Pflanzen. Trotzdem zieht er es vor, die guten Stücke schnell an den Mann oder die Frau zu bringen. Nicht nur für Jans Geldbeutel ist das ein Vorteil. Da wechseln Pflanzen schon mal für 50 Cent den Besitzer. „Und das nächste Exemplar für 40 Cent! Danke schön. Wer möchte noch einen Bubikopf? 30 Cent das Stück.” So lockt der Marktschreier Leute vor seinen Stand, auch wenn der Gewinn manchmal auf der Strecke bleibt.

Manch einer wird sich fragen, wie ein Marktschreier überhaupt Gewinn erwirtschaftet. Schließlich wird die Ware regelrecht verschleudert. „Das geht alles nur über den Einkauf“ sagt Bananen-Rudi. „Je größer die Mengen, desto günstiger der Preis pro Kilo. Und wenn du günstig einkaufst, machst du auch Gewinn.“

Den zu erwirtschaften ist auch nötig, denn länger als 20 Jahre will Käse-Maik nicht „den Affen machen. Mit 50 muss dein Konto voll sein, sonst bleibt nur der Weg zum Sozialamt.“ Und den zu gehen, wird ihm sicherlich schwer fallen. Schließlich hat er sich aufgemacht, Millionär zu werden. Deshalb heißt es nicht nur für Aal-Peter, sondern auch für Käse-Maik heute wieder: „Hallo ihr zwei Hübschen! Kommt doch mal rüber.“

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